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Na ganz bi Trooscht

Im Alter von 92 Jahren hat Els Morf ein wunderbares Büchlein mit Mundarttexten veröffentlicht. Während der Arbeit habe sie manchmal an ihrem Mut gezweifelt.

Ein grüner Kachelofen wärmt die Stube. Els Morf sitzt am Esstisch. An der Zuckerdose lehnt das Bild ihres Mannes, der letztes Jahr verstorben ist. Die 92-jährige Thalheimerin hat soeben ein Buch mit zürichdeutschen Prosatexten veröffentlicht. «Es Bröösmeli Ziit» ist ihr zweites Werk – nach vierzig Jahren Pause. Für das erste, «En offes Fäischter», erhielt die Autorin die Ehrengabe des Kantons Zürich. Zudem war sie mehrfach Gast in der Sendung «Schnabelweid» auf DRS 1. Das erste Büchlein ist mittlerweile vergriffen.

Sie frage sich auch, weshalb es vierzig Jahre bis zur zweiten Veröffentlichung gedauert habe, sagt Morf, und in ihren Augen blitzt der Schalk. Zwar gab es immer wieder Leute, die sich nach einem weiteren Buch erkundigten. Die Zweifel waren aber lange zu stark. Ohne zwei ihrer Enkel wäre es wohl nie dazu gekommen: Kunsthandwerker Urs Jordi steuerte Linolschnitte zu Morfs Texten bei, Grafiker Samuel Jordi gestaltete und produzierte das Büchlein. Morf bedankt sich darin «für jedi Ufmunterig, wäni zwiflet und zu mir sälber gsäit ha: du bisch ja nid bi Trooscht, na so öppis aazfange». Die Arbeit habe Morf auch in der Trauer um ihren Mann geholfen. «Sie holte mich ein bisschen raus.»

«Ich war immer ein Fägnäscht»

Els Bachmann war das jüngste von fünf Kindern auf dem elterlichen Hof in Oberherten, das zu Altikon gehört. Kaum hatte sie die Schule fertig, brach 1939 der Krieg aus. «Dann brauchte es mich zu Hause.» Obwohl sie eine Krippenlehre absolviert und ein Jahr im Welschland verbracht hatte, half sie im Sommer vor allem auf dem Hof mit und im Winter ar­bei­te­te sie jeweils als Aushilfe in verschiedenen Haushalten. 1946 heiratete Els Bachmann August Morf. Zusammen bewirtschafteten sie den Hof seiner Eltern – «de Gwèèrb», wie sie in ihrer Mundart einen Bauernbetrieb nennt – mitten in Thalheim an der Thur, bis Anfang der 70er-Jahre. Ihr Mann sei eher ein Ruhiger gewesen, sagt sie. «Im Gegensatz zu mir. Ich war immer ein Fägnäscht.» Sie hatten sieben Kinder, Els Morf ist heute Grossmutter von 17 Enkeln und 9-fache Urgrossmutter.

Neben Kindern und Hof blieb der Bauersfrau nicht viel Zeit zum Schreiben. Ab und an habe sie Stichworte notiert und sie später «püschelet». Ihr Schreibort war der Esstisch, an dem sie jetzt sitzt. Die Mundartautorin tippte ihre fertigen Texte auf einer mechanischen Schreibmaschine, irgendwann schenkte man ihr eine elektrische. Els Morf macht kein grosses Aufheben um ihr Schreiben. Ein Zeitvertreib sei es gewesen, wie das Wollefärben, das das Schreiben ein bisschen ablöste.

Anfang der 70er-Jahre verpachteten sie und ihr Mann den Hof. Dann war auch mal eine Reise möglich, etwa nach ­Ischia oder in die Provence, wovon Geschichten in ihrem neuen Buch zeugen.

Kleine Alltagsfluchten

Die stärksten Texte entstanden aber im Alltag. «Inslen im Wèèchtig» etwa beschreibt eine kleine Alltagsflucht, einen ausgedehnten Spaziergang über Wiesen und Felder. Die Landschaft beschreibt sie anschaulich: «En Taag zwüschet Winter und Früelig. Erlestuude, Wide, Schilfroor, tüeri Bangelestängel stönd scharf zäichnet am Bachport. Ja, wäme Maler wèèr ... Zwüschet de ­Mäisstorze bicked d Gwaaggen im Acker ume.» Dank Urs Jordis Linolschnitt begreift man, dass «Gwaagge» Krähen sein müssen.

Els Morf pflegt zwar in ihrer Prosa alte Mundartausdrücke. Eine Sprachbewahrerin ist sie trotzdem nicht. Sie habe früher oft auf Hochdeutsch geschrieben, wurde von Mundartexperten jedoch ermuntert, im Dialekt zu bleiben. «Mundart bietet sich an, wenn man über den Ort schreibt, an dem man wohnt, über Dinge, die einem nahe sind.» Und auch für Gefühle scheint sich der Dialekt zu eignen. Einer ihrer ergreifendsten Texte heisst «Din Wald» und beschreibt, wie der Mann jeweils in den Wald ging, um Holz zu schlagen, um «Burdene» zu machen. Irgendwann hiess es Abschied nehmen von der lieb gewordenen Arbeit. Die Ich-Erzählerin sitzt am Kachelofen und ist «froo, häts für dèè Winter na gnueg Burdene im Schopf obe, wo mi jedi a dich erinneret».

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