Zum Hauptinhalt springen

Nach der Flut bleibt stinkender Schlamm

Frankfurt. In den deutschen Bundesländern Sachsen und Sachsen-Anhalt stiegen die Pegelstände der Elbe gestern weiter. Leichte Entspannung wurde aus Bayern und Thüringen gemeldet, wo sich die Betroffenen ans Aufräumen machen.

Die Porta Bohemica hält das Wasser nicht. Mit steigender Macht strömen die Fluten der Elbe aus Tschechien durch das sonst so malerische Flusstal zwischen dem Erzgebirge und der fels- gekrönten «Böhmisch-Sächsischen Schweiz» in Richtung Dresden. Genährt wird das Hochwasser zusätzlich durch die Moldau, die etwa 50 Kilometer nördlich von Prag in die Elbe mündet.

Und so sind die rekonstruierten Barockbauwerke von Dresden weiterhin bedroht, die Loschwitzer Brücke – unter ihrer volkstümlichen Bezeichnung «Blaues Wunder» ein Wahrzeichen Dresdens – musste schon für den Autoverkehr gesperrt werden. Das historische Zen­trum des Kreisstädtchens Pirna unweit der deutsch-tschechischen Grenze war gestern bereits überflutet. Auch die wegen ihrer Porzellanmanufaktur weltberühmte Stadt Meissen stand unter Wasser.

Von Entspannung der Lage kann in Sachsen keine Rede sein. Bis zum morgigen Donnerstag wird ein weiterer Anstieg der Elbe um 1,5 Meter erwartet. Rund 10 000 Menschen im Freistaat mussten inzwischen ihre von den Fluten bedrohten Wohnungen verlassen. Katastrophenalarm wird in einer Kette entlang der Elbe ausgelöst, je weiter die Flutwelle nach Norden vordringt. In Sachsen-Anhalt meldeten bereits 20 der 41 Pegel Hochwasser. Der Höchststand des Desasters von 2002 wird in diesem Bundesland wohl noch übertroffen werden. Auch die Saale steigt noch an. Katastrophenalarm wurde in der Landeshauptstadt Magdeburg ebenso ausgerufen wie in den Städten Halle, Dessau-Rosslau sowie in zwei ganzen Landkreisen.

Höchster Stand seit 500 Jahren

In der niederbayrischen Dreiflüssestadt Passau ging das Donauhochwasser – das schlimmste seit 500 Jahren – dagegen inzwischen leicht zurück. Doch Entwarnung kann auch hier noch nicht gegeben werden. In der Welterbestadt Regensburg gut 100 Kilometer stromaufwärts musste wegen einer zweiten Flutwelle der Donau ebenfalls der Katastrophenfall ausgerufen werden. Nach Angaben der Einsatzleitung wird ein Höchststand erwartet, wie ihn die Donau in der Domstadt schon seit 130 Jahren nicht mehr erreicht hatte.

Wo die Wassermassen zurückgehen, haben die Menschen in den Überschwemmungsgebieten mit einer zähen Masse stinkenden Schlamms zu kämpfen. In Thüringen und in Oberbayern war die Freude deshalb geteilt, dass sich die Si­tua­tion hier allmählich beruhigte. Beim Aufräumen der abgesoffenen Keller und überfluteten Erdgeschosse treten die ersten Ausrüstungsengpässe zutage. So waren in Thüringen laut Angaben einer Sprecherin des Einzelhandelsverbandes praktisch nirgends mehr Gummistiefel zu kaufen.

100 Millionen Euro Soforthilfe

Für die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, die gestern die Katastrophengebiete besuchte, schaufelten Soldaten der Bundeswehr den Weg vom Morast frei. Am Vormittag versprach die Regierungschefin nach einem Hubschrauberflug über die Überschwemmungsgebiete in Passau eine «unbürokratische Soforthilfe» des Bundes von zunächst 100 Millionen Euro, um dann pflichtschuldigst nach Sachsen und Thüringen weiterzueilen, denen das Geld ebenfalls zugutekommen soll.

Auch die Politiker der anderen Parteien überschlagen sich dreieinhalb Monate vor der Bundestagswahl in Hilfsaktionismus oder zumindest Bekundungen des Mitgefühls. Zu frisch ist in Berlin noch die Erfahrung der letzten grossen Hochwasserkatastrophe vor elf Jahren. Damals hatten Kanzler Schröder und seine Sozialdemokraten in den Wahlumfragen aussichtslos gegen die Unionsparteien mit Spitzenkandidat Stoiber zurückgelegen, bevor sich das Blatt wendete: Die Demoskopen sahen in einem Blitzbesuch Schröders, der in den Flutgebieten vor den Kameras den Macher gab, eine der wichtigsten Ursachen für diese überraschende Wende bei der Wahl 2002.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch