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Nachdenken über Raum

winterthur. Und wieder ist es eine ganz besondere Ausstellung, die gestern Abend im Fotomuseum Winterthur eröffnet worden ist: Auf eindringliche Art beleuchtet «Concrete» das Verhältnis von «Fotografie und Architektur» und stellt es zur Diskussion.

Architektur geht uns alle an, jede und jeden von uns. Wir leben in einer gebauten Welt, in und mit und angesichts von Räumen, die auf uns einwirken; auf manche wirken wir selber ein. Viele dieser gebauten Räume sind einem ständigen Wandel unterworfen, einem schleichenden, heftigen oder wie auch immer gearteten Wandel. Selbst Räume, die wir als konstant erfahren, sind es nicht – Atmosphäre und Licht geben ihnen das wechselnde Gepräge; eine andere Sicht, eine andere Perspektive und unsere ureigenste körperliche und seelische Verfassung lassen sie immer wieder verschieden und neu erscheinen. So ist denn die grosse und ausserordentlich breit gefächerte Ausstellung über Fotografie und Architektur im Grunde ein Nachdenken über Raum. Wie Raum im Bild erscheint, was für ein Bild von Raum, gebautem Raum entsteht, wenn Fotografie Körperhaftes in die Fläche holt: Dar­um geht es und um vieles mehr.

Innere und äussere Visionen

«Die Architektur besteht aus Traum, Fantasie, Kurven und leeren Räumen», hat der grosse Architekt Oscar Niemeyer gesagt. Die Bilder, die sich Fotografen und Künstler von architektonischen Gesamterscheinungen und einzelnen Gebilden machen, reflektieren diese inneren und äusseren Visionen: beobachtend, feststellend, kritisch oder ketzerisch, liebevoll und verlockend, überhöhend und blossstellend, verzerrend, sich anschmiegend, dokumentierend … Über 400 Fotografien und Werkgruppen aus drei Jahrhunderten sind in der Halle, der Galerie und den Sammlungsräumen des Fotomuseums zu sehen, ergänzt von einigen Arbeiten auf Bildschirmen. Kurator Thomas Seelig und sein Team haben sie zusammengetragen; ein Grossteil ist im gewichtigen Begleitband abgebildet, der neun Essays und ein Gespräch enthält.

Entstanden ist eine Ausstellung, die von den unterschiedlichsten Seiten her einsichtig wird und vom Fotopionier William Henry Fox Talbot, der 1845 die neugotische «Seufzerbrücke» (1831) in Cambridge ablichtete, bis in die Gegenwart, ja in die Zukunft reicht. Etwa zu Georg Aernis Plastikgärten im Süden Spaniens (2012) oder zur fotografischen Langzeitbeobachtung von Ulrich Görlich & Meret Wandeler, die 2005 begonnen hat und auf 15 Jahre angelegt ist und sich auf 63 Standorte in Schlieren konzentriert, die alle zwei Jahre unter denselben Bedingungen fotografiert werden. Vier «Jahrgänge» gibt es bereits, und im Nebeneinander der jeweiligen Aufnahmen wird deutlich, was wir alle erfahren: Freier Raum schwindet zugunsten von bebautem Raum; dass nicht überall neue Tatsachen geschaffen, sondern nur ein paar Akzente neu gesetzt werden, wirkt da geradezu beruhigend.

Es ist, wie erwähnt, eine grosse Ausstellung, die man eigentlich zweimal besuchen sollte; dann gehen einem immer mehr Zusammenhänge auf. Die Fülle präsentiert sich gut aufgegliedert in 14 Kapiteln, und der Besucher, der zwar überall einsteigen kann, tut gut daran, erst die Räume im Fotomuseum und danach die Räume im Foto­zen­trum zu besuchen. Nicht weil die Ausstellung eine Chronologie verfolgte – das tut sie bis auf den Tour d’horizon zu Beginn bewusst nicht –, sondern weil klug Verwandtschaften, Gemeinsamkeiten, ja Absichten herausgearbeitet werden, sodass sich die Bilder auch gegenseitig erhellen. Dass zudem Auftrags- beziehungsweise angewandte Fotografie und freie Fotografie gleichberechtigt nebeneinander erscheinen, leuchtet ein: Der Betrachter kann umso freier auf die Bilder reagieren.

Ruinen und Schauplätze

So verbinden sich etwa im Kapitel «Aufbau, Verfall, Zerstörung» Bilder vom Bau der Wettsteinbrücke in Basel (1877/78) mit der wunderbar strukturierten Pariser Skizze von Otto Steinert (1948/49) oder den fünf Farbfotografien von Laurence Bonvin: Er hat 2009 das «Blikkiesdorp» («Blechdosendorf», vgl. Abb. auf Frontseite) von Kapstadt fotografiert, ein surreal anmutendes, seelenloses Gebilde, das jedoch sehr konkret und nichts anderes ist als ein Umsiedlungslager für arme Leute. Die wurden dort untergebracht, damit sie während der Fussballweltmeisterschaft in Süd­afrika das Strassenbild nicht störten. Im gleichen Kapitel begegnet man uralten Ruinen aus vorchristlicher Zeit und Ruinen, die von den aktuellen Ereignissen – Strassburg im Krieg von 1871, das World Trade Center am 11. September 2001 – gerade erst geschaffen wurden.

Nicht weniger anschaulich ist, was unter dem Titel «Macht, Abgrenzung, Sicherheit» zusammenfindet: Andreas Gurskys leuchtendes Bankenhochhaus, das doch nichts anderes als ein normiertes Arbeitshaus ist («Hong Kong Shanghai Bank», 1994), Innenansichten von Schloss Neuschwanstein (Joseph Albert, 1898) und von Albert Speers Reichskanzlei (Max Baur, 1939) oder die Kargheit des Grauens, wie sie einem in den lange danach entstandenen Bildern von Konzentrationslagern entgegentritt (Dirk Reinartz, «totenstill», 1987–1993).

Ein absolut stimmiger, schöner und kunstvoller Raum ist der Galerieraum, in dem weit mehr als nur «Stein, Stahl, Glas» ihren Auftritt haben; Fläche wird hier auf besondere Art befragt – man lasse sich überraschen.

Überhaupt ist «Concrete – Fotografie und Architektur» reich an Überraschungen: leisen und liebevollen, aber auch grossen – gerade die beiden Städtekapitel zu Zürich und Winterthur sind voll davon. Einmal ist sogar James Bond mit von der Partie. Das Haus, in dem er zwei durchtrainierten Damen begegnet, hat schliesslich auch John Lauter, ein überaus moderner amerikanischer Architekt, entworfen.

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