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Nachtwache am Spitalbett von Fremden

Im Kantonsspital Winterthur verbringen Freiwillige die Nacht bei schwer kranken und sterbenden Patienten. Das entlastet Spitalpersonal und Angehörige.

Bereits eine halbe Stunde nach Dienstbeginn hat die Patientin aufgehört zu atmen. Es war ein friedlicher Tod, die Patientin war sehr alt. Henrike Elmiger spürte die Erleichterung der Frau. Das Pflegepersonal fragte vorsichtig, ob sie bereit sei, den Rest der Nacht bei einem anderen Patienten zu wachen. «Klar», sagte die 51-Jährige. «Ich habe mich auf die Nacht im Spital eingestellt.» Henrike Elmiger gehört zu den rund 40 Personen, welche im Kantonsspital Winterthur (KSW) bei der freiwilligen Sitzwache mitmachen. Diesen Dienst beanspruchen unruhige, schwer kranke und sterbende Menschen, um während der Nacht nicht alleine zu sein. Denn das reduzierte Spitalpersonal in der Nacht kann nicht lange bei einzelnen Patienten verweilen. Oft sind auch Angehörige froh über die Dienste der Sitzwache, das Begleiten einer schwer kranken Person bringt viele Menschen an die Grenzen ihrer Kräfte. Für die Patienten ist der Dienst kostenlos. Nicole De Lorenzi (reformierte Pfarrerin) und Tanja Haas (katholische Theologin) leiten die seit 1994 existierende Sitzwache. «Die Personen, welche bei uns die Sitz­wache leisten, machen dies aus humanitären Gründen.» Psychisch belastend Die monatlichen Gespräche und Treffen unter den Freiwilligen seien sehr wichtig und für De Lorenzi auch das Schönste an der Sitzwache. Der Umgang in der Gruppe sei sehr freundschaftlich, so die Pfarrerin. Um diesen Dienst zu leisten, muss eine kurze Ausbildung absolviert werden. Es ist wichtig, dass die Sitzwache gut auf den Einsatz vorbereitet ist: «Die Nächte sind manchmal anstrengend und psychische Belastbarkeit ist ein Muss.» Oft gebe es auch kein unmittelbares Dankeschön für die Wache. Man stellt sich ganz in den Dienst der Patienten. Ihre Bedürfnisse und ihr Zustand sind ganz unterschiedlich. Oft sind es pensionierte Personen, welche die Nächte bei den Patienten verbringen und ihnen Nähe vermitteln. Aber auch berufstätige Personen leisten diesen neunstündigen Dienst – immer von 22 bis 7 Uhr. So auch Henrike Elmiger. Sie ist Abteilungsleiterin der Beleuchtung im Theater Winterthur. Die unregelmässigen Arbeitszeiten machen es ihr möglich, die zwei geforderten Nächte pro Monat im Spital zu verbringen. Nachdem Frau Elmiger ihren Vater im Spital in den Tod begleitet hatte, begann sie sich für die Sitzwache zu interessieren. Sie habe einen ungezwungenen Umgang mit den Patienten. Mit Traurigkeit auf die kranken Menschen zuzugehen, bringe nichts. Sie selber lag einmal mit gebrochenem Bein im Spital. Da waren alle diese mitleidigen Gesichter, welche sie dann trotz ihrer misslichen Lage aufheitern musste. So schaut sie auf die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Patienten und versucht im Gespräch auf sie einzugehen, wenn sie das wünschen. Lob für KSW-Personal Die grösste Angst von Henrike Elmiger war, dass sie Zeugin von mangelnder Betreuung aufgrund von Personalmangel wird, wie sie es von Deutschland her kenne. Zu ihrer Überraschung traf dies aber gar nicht zu: «Das Pflegepersonal ist sehr fürsorglich und hat genug Zeit.» Sie hoffe, dass dies auch mit der geplanten Privatisierung des KSW so bleibe. Eine Nacht hat Henrike Elmiger bei einem dementen Mann gewacht. Dieser war die ganze Zeit in Sorge, weil er glaubte, er müsse Kisten an einen unbekannten Ort transportieren. Frau Elmiger merkte, dass sie den unruhigen Mann nicht von dieser Idee abbringen konnte. Sie stieg kurzerhand in das Szenario ein. Die beiden erfanden ein perfektes Drehbuch für den Transport der fiktiven Kisten. Der Patient wurde ruhiger. Auf einmal kam der demente Mann für wenige Sekunden aus seiner Traumwelt und sagte: «Vielen Dank, dass Sie da sind.» Der Einführungskurs findet vom 13. bis 17. April statt. Anmeldung bei Frau De Lorenzi bis Ende Februar unter Tel. 052 266 21 34.

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