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Nachtzeiten, Todesstunden

Anna Kims «Anatomie einer Nacht» ist ein Buch voller Nacht und Tod – ein rätselhafter Roman über ein rätselhaftes Land.

Amaraq, ein fiktiver Ort im kaum bewohnten Osten Grönlands, liegt nicht nur geografisch am Ende der Welt. Autorin Anna Kim hat ihn erdacht als das «Ende all dessen, was zur Welt gehört. Es besitzt die Aufgabe, zu beenden.» Das ist ganz radikal gemeint: Amaraq hat etwas an sich, das Menschen dazu bringt, nicht weniger als ihr Leben hier zu beenden. Per ist erst 21, er steht vor dem Waisenhaus, dem Haus seiner Kindheit, Amaraqs schrecklichem Herzen. Er hält sich den Lauf des Gewehres vor die Brust und drückt ab. Magnus und Ole, zwei 17-jährige Schüler, knoten Halstücher um ihre Hälse und «lassen sich in die Schlinge fallen». Lars findet sie, Betreuer im Kinderheim, und der Satz «Es ist alles deine Schuld», den seine Freundin nach dem Selbstmord ihres Ex-Partners schon einmal zu ihm gesagt hatte, dröhnt erneut in seinen Ohren. Als er sich auf den schweren Weg macht, Oles Eltern Bericht zu erstatten, erfährt er vom Selbstmord der 14-jährigen Julie. Mikileraq, die junge Lehrerin, hat Tabletten geschluckt und sich einen Beutel über den Kopf gezogen. All das geschieht in einer einzigen Nacht. Warum? Als sich der Schmerz zu tief und zu endgültig in Sara gesammelt hat, hatte sie einen Flug nach Amaraq gebucht. Als ob die Tür zum Tod, in deren Nähe sie sich alle aus verschiedensten Gründen aufgehalten haben, hier besonders weit offen stünde. Schwermütig schön Anna Kim, 1977 in Südkorea geboren, heute in Wien lebend, hatte sich seit ihrer Kindheit für die rätselhafte weisse Weite Grönlands interessiert. Als sie das Land bereiste, wurde ihr die Schwermut der Menschen dort auch als Konsequenz der Kolonisierungsgeschichte mit Dänemark deutlich. Und sie las eine Zeitungsnotiz, die besagte, dass sich 16 Menschen in einer Nacht das Leben genommen hätten. Die Frage danach, ob es einen Zusammenhang, etwas wie einen Pakt dabei gegeben haben könnte, beschäftigte sie. Tatsächlich bleiben aber in ihrem Buch fast alle Schicksale unverbunden stehen. Auch erschliesst sich der grössere gesellschaftliche und politische Kontext, in dem Amaraq innerhalb des Landes steht, nicht. Das Rätsel dieser Selbstmorde wird im Laufe der Lektüre eher grösser als kleiner. Übermächtig scheint allein das Thema allumfassender Einsamkeit. Dies schwermütige, sprachlich schöne Buch über die Grenzen des Lebens bleibt ein bisschen wie ein verschlossenes Haus, zu dem man den Eingang nicht findet.

Anna Kim: Anatomie einer Nacht

Roman, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2012, 300 Seiten, Fr. 28.50.

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