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Nachwehen des Fensterstreits

Der Stadtrat will die Vorschriften für Fenster und Türen in Kernzonen lockern. Unter anderem, weil die Stadt vor Jahren einen langwierigen Rechtsstreit verlor.

Im 19. Jahrhundert waren grosse Glasscheiben noch ein Luxus. Mit einem Trick verschaffte man sich damals Abhilfe. Die Fenster von Bürgerhäusern wurden mit Holzsprossen unterteilt. Zwei oder mehr kleinere Gläser wurden von den Fenstermachern so zu einem Ganzen verbunden. Wer heute ein Haus in einer Winterthurer Kernzone besitzt, ist dieser Tra­di­tion Rechenschaft schuldig. Nicht nur die Sprossen, sondern auch die Fensterläden und die Türen von Häusern in den Kernzonen, zu denen die Altstadt, die Quartierzentren, aber beispielsweise auch ein Teil der Wart­strasse ge­hö­ren, gehorchen strengen Vorschriften. Nun hat der Stadtrat be­schlossen, die­se aufzuweichen. Er nimmt ins­besondere Abschied vom Grund­satz «Holz ist die Regel».Im Rahmen der Revision der Bau- und Zonenordnung, die noch bis am 8.?Oktober öffentlich aufliegt, sind erstmals auch an­dere Baumaterialien wie Aluminium und Kunststoff explizit erwähnt. Lukas Mischler, Sekretär beim Baudepartement, relativiert aber diese Änderung der «Materialisierungsvorschriften». Auch bis anhin seien Ausnahmen möglich gewesen. «Wer bewusst durch die Kernzonen geht, der sieht, dass je nach Kontext heute schon unterschiedliche Materialien verwendet werden», sagt Mischler. Neu sei, dass kein Material bevorzugt behandelt werde. Es müsse jedoch festgehalten werden, dass auch weiterhin kein rechtlicher Anspruch der Bauherrschaft darauf bestehe, dass nur die von ihr vorgeschlagenen Materialien verwendet werden.

Forderung «nicht haltbar»

Die angestrebten Änderungen schei­nen unter anderem eine ­späte Reaktion auf den Fens­terstreit mit dem Architekten und Immobilienbesitzer Giovanni Cer­feda zu sein. Mischler bestätigt dies. 2006 wollte Cerfeda bei mehreren seiner Häuser in der Wart­strasse Holz-Metall-Fenster statt reine Holzfenster einsetzen. Von aussen war praktisch kein Unterschied erkennbar, doch der städtische Bauausschuss untersagte Cerfeda die Montage, worauf dieser sich an die kantonale Baurekurskommission wandte. Nach jahrelangem Hin und Her bekam der Architekt 2008 voll­um­fänglich Recht, die Stadt unter­lag. Danach sorgte insbesondere ein Passus im Kommissionsentscheid für Unsicherheit bei den Behörden. Demnach sei eine «generelle Forderung nach Holzfenstern in Kernzonen nicht haltbar». Ein öffentliches Interesse an dieser Forderung sei nicht ansatzweise erkennbar.

Ein Ärgernis für viele?

Der finale Auslöser für den städtischen Sinneswandel war dann ein Beschluss des Gemeinderats. Dieser erklärte vor einem Jahr eine SVP-Motion für erheblich, welche die Anpassung der Materialvorschriften forderte. Motionär Heinrich Keller, der diesen Frühling aus dem Parlament zurück­trat, zeigt sich denn auch erfreut über den Entscheid des Stadtrats. «Das ist eine klare Verbesserung für viele Bauherren, die teilweise der Rechtsunsicherheit ausgeliefert sind», sagt Keller. Zufrieden ist er dennoch nicht ganz. «Dass noch immer ein Gesuch gestellt werden muss und über die Materialien beraten wird, ist stossend», findet er. «Da wird Einzelnen zu viel Macht über das Stadtbild gegeben. Für viele ist das ein Ärgernis.»Für wie viele, das kann Keller nicht abschätzen. Lukas Misch­ler spricht von «sehr wenigen Ablehnungsentscheiden» in den letz­ten Jahren. Es habe auch bisher ­eine grosse Rechtssicherheit ­geherrscht, «dank einer langjährigen gleichbleibenden Bewilligungspraxis». Diese Praxis sei bei Bauherrschaften und Planenden bekannt gewesen und sei grossteils auch akzeptiert worden. Die neue Regelung schaffe eine Liberalisierung in dem Sinne, dass ­alle Materialien gleich behandelt werden. Jedoch, fügt Mischler an, schaffe sie auch neue Erwartungen und Unsicherheiten.

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