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Neue Krebsmittel verursachen hohes Kostenwachstum

Moderne personalisierte Krebsmedikamente wirken gezielter und effizienter. Aber sie sind auch teuer. Für Pharmafirmen stellen sie eine Goldgrube dar. Doch Ärzte kritisieren die hohen Kosten.

Vier von zehn Personen erkranken im Laufe ihres Lebens an Krebs. 37000-mal pro Jahr wird die Diagnose in der Schweiz neu gestellt. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung wird die Zahl der Krebskranken noch zunehmen. Doch verbesserte Diagnosemöglichkeiten, verfeinerte Operationstechniken und optimierte Therapien sorgen dafür, dass Krebs oft kein Todesurteil mehr ist. Die Sterberaten bei zahlreichen Krebsarten sind in den vergangenen zwanzig Jahren stark zurückgegangen (s. Grafik). Immer häufiger rücken Ärzte mit sogenannten Targetmedikamenten Tumoren zu Leibe. War früher Chemotherapie das Mittel der Wahl, werden heute bei etwa 20 Prozent der Behandlungen Targetarzneimittel (s. Box) eingesetzt. Sie wirken mehr oder weniger gezielt auf die Krebszellen.

Eine Ampulle für 3000 Franken

Allerdings haben diese Medikamente ihren Preis. Zum Beispiel der Wirkstoff Trastuzumab, der von Roche unter dem Handelsnamen Herceptin verkauft wird. Er wird bei bestimmten Formen von Brust- und Magenkrebs eingesetzt. Eine Ampullenflasche mit 440 Milligramm Trastuzumab zur Mehrfachdosierung kostet 3157 Franken. Gemäss «Medikamentenstatistik 2013 Onkologie» der Krankenkasse Helsana kostete die Behandlung mit Herceptin 2012 pro Person 28590 Franken. Herceptin ist bei weitem nicht das kostspieligste Targetarzneimittel: Seit 2011 hoffen Patienten mit fortgeschrittenem schwarzem Hautkrebs in der Schweiz auf das Medikament Yervoy des US-Pharmakonzerns Bristol-Myers Squibb. Eine 40-Milliliter-Flasche mit 200 Milligramm Infusionslösungskonzentrat des Wirkstoffs Ipilimumab kostet 20426 Franken. Eine ganze Therapieserie kann laut Experten mit 150000 Franken zu Buche schlagen.

Anstieg um 187 Prozent

«Dabei haben die meisten dieser teuren Medikamente nur eine palliative Wirkung, etwa bei Darm- und Lungenkrebs, ebenso bei inoperablem Brust- und Prostatakrebs», sagt Onkologe Martin Fey vom Inselspital. In ihrer Medikamentenstatistik zeigt die Helsana in einer Hochrechnung, dass die Ausgaben für Targetmedikamente unter den Onkologika geradezu explodieren. Während die Gesamtkosten für Krebsmedikamente zwischen 2007 und 2012 von 212 Millionen Franken um 111 Prozent auf 448 Millionen Franken stiegen, schnellten sie in der Gruppe der zielgerichteten Arzneimittel von 111 Millionen Franken um 187 Prozent auf 319 Millionen Franken nach oben. Dagegen legten die Ausgaben für Chemotherapeutika nur um 19 Prozent zu.

Unaufhörliche Geldquelle

Immer mehr Krebsfälle und dazu ein immenses Umsatzwachstum bei teuren Targetmedikamenten – der Onkologiebereich ist für Pharmafirmen eine Goldgrube. Angesichts der künftigen gigantischen Einnahmen weltweit scheinen die 14,5 Milliarden Dollar, die Novartis im April der britischen GlaxoSmithKline (GSK) für die Übernahme ihrer Krebssparte bot, nicht mehr so viel. So übernimmt Novartis von GSK etwa Votrient, das bei Nierenkrebs eingesetzt wird, sowie die Hautkrebsmedikamente Tafinlar und Mekinist. Im Januar wurden die zwei Mittel von der US-Arzneimittelbehörde FDA für den weltgrössten Medikamentenmarkt auch zur Kombinationstherapie von inoperablem und metastasiertem schwarzen Hautkrebs zugelassen. «Wir glauben, dass Votrient, Tafinlar und Mekinist in unseren Händen zu Blockbustern werden können», zitierte die Nachrichtenagentur Reuters David Epstein, Chef der Novartis-Division Pharma, nach dem Deal mit GSK. Als Blockbuster bezeichnen Pharmafirmen Medikamente mit einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Franken. Wie lukrativ das Geschäft mit den Krebsmitteln ist, zeigt auch Roche. Der Pharmakonzern setzt stark auf das Krebsgeschäft und erzielte 2013 einen Gewinn von mehr als 11 Milliarden Franken. Die Pharmaverkäufe stiegen um 7 Prozent, wozu das Targetmedikament Avastin – es wird bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen eingesetzt – stark beitrug.

Pharma verlangt zu viel

Pharmamanager lächeln, und Ärzte wundern sich. «Preisbereiche von 10000 Franken pro Monat für ein Medikament finde ich mit ganz wenigen Ausnahmen übertrieben», sagt der St.Galler Onkologe Thomas Cerny. Sein Kollege Chefarzt Martin Fey vom Inselspital spricht von «Preiswucher, den die Industrie mit den Targetmedikamenten treibt». Sara Käch von Interpharma, dem Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz, sagt: «Der Preis eines neuen Medikaments mag hoch sein, es gilt aber auch den enormen Mehrnutzen zu berücksichtigen.» Und verweist auf Brustkrebspatientinnen, denen Herceptin half. Feys Meinung nach haben auch die Behörden einen gewissen Anteil an den «überrissenen» Medikamentenkosten. Sie verlangten von den Pharmafirmen einen «verrückten» Aufwand bei Studien und übertriebene Sicherheitsauflagen, was die Prüfung neuer Medikamente verteure. «Eine hundertprozentige Sicherheit punkto Nebenwirkungen wird es nie geben», sagt der Onkologe. In der Schweiz legt das Bundesamt für Gesundheit fest, wie viel die Grundversicherung für ein Medikament bezahlt. Das Gesetz verpflichtet dieses, dabei die Kriterien Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit anzuwenden. Wichtige Elemente sind, die Forschungskosten, die für ein Medikament aufgelaufen sind und die mutmasslichen Verkaufszahlen eines Medikaments. Zudem muss die Pharmafirma den therapeutischen Zusatznutzen darlegen. Schliesslich nimmt das Amt einen Quervergleich mit den Verkaufspreisen im Ausland vor. Der Ermessensspielraum der Behörde ist also gross. Und Pharmafirmen seien gut im Erfinden von Argumenten für hohe Preise, so Branchenkenner. Doch neben dem Preis trägt auch die Mengenentwicklung zur Kostenexplosion bei: «Die Targetmedikamente werden sehr grosszügig eingesetzt. Was da ist, wird genutzt», sagt Chefarzt Fey. Und schwer kranken Krebspatienten seien die Kosten oft egal. Sie würden um jeden Preis die Wirkstoffe verlangen. Er ist auch weiter bezüglich ihrer Wirkung skeptisch. Sie würden zu breit eingesetzt, obwohl sie gezielt angreifen sollten. Und die Hoffnung auf weniger Nebenwirkungen als bei anderen Krebsmitteln habe sich nicht erfüllt. «Zum Teil sind die Nebenwirkungen so schwer, dass die Behandlung abgebrochen werden muss», so Fey.

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