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New York im Emmental

langnau. John Scofield und Dave Holland trumpften mit neuen Bands an den Langnau Jazz Nights gross auf. Die 22. Ausgabe der Langnau Jazz Nights dauert noch bis Samstag.

Wo gibt es das spannendere Jazzangebot, in Langnau oder in New York? In ein paar wenigen Tagen im Juli lässt sich diese Frage gar nicht so leicht beantworten! Wenn die vom Weinhändler und Jazzenthusiasten Walter Schmocker 1991 ins Leben gerufenen Langnau Jazz Nights über die Bühne gehen, verwandelt sich das von stotzigen «Gotthelf-Höggern» umgebene Städtchen zwischen Bern und Luzern zu einem Epizentrum hochkarätiger Improvisationskunst.

Zusätzlich zu den Doppelkonzerten, die am Abend in der Treibhausatmosphäre der Kupferschmiede stattfinden, gibt es tagsüber ein breites Kursangebot (für Amateure und angehende Profis), und auf dem grössten Dorfplatz darf der Nachwuchs um die Wette «jazzen», während sich Auswärtige und Einheimische bei Tranksame und Edelproviant näherkommen.

Hochspannungsjazz, erstklassig

In dieser speziellen Umgebung fühlen sich selbst die vorgängig durch die Sommerfestivalmühle gedrehten Jazz-Cracks aus Übersee pudelwohl und kommen dementsprechend schnell auf Touren. Was die Koryphäen John Scofield und Dave Holland heuer mit neuen Bands in Langnau boten, war jedenfalls nicht «business as usual», sondern Hochspannungsjazz der Kategorie Ia: inspiriert, leidenschaftlich, abwechslungsreich, stimmungsvoll, dringlich und mit einer Ener­gie­ aufgeladen, die einen aus den Socken haute (auch wenn man gar keine Socken anhatte). Im Vergleich zu den atemberaubenden Höhenflügen dieser grandiosen Gruppen fielen die durchaus ansprechenden Auftritte des Basler Trios Vein (mit kunstvollen, aber manchmal auch etwas arg konstruierten Bearbeitungen von Stücken aus der Gershwin-Oper «Porgy & Bess») und des souverän zwischen Tradition und Moderne mäan- drierenden Quartetts der französischen Altsaxofonisten Géraldine Laurent insbesondere in puncto Ener­gie­ ab.

Mit dem Overtone Quartet trat der Bassist Dave Holland in den letzten Jahren als Primus inter Pares einer Kreativitätskooperative in Erscheinung, deren demokratischer Geist sich nicht zuletzt darin offenbarte, dass jedes Bandmitglied eigene Stücke zum Repertoire beisteuerte. So funktioniert nun auch das Quartett Prism, das durch Kevin Eubanks (Gitarre), Craig Taborn (Klavier, Fender-Rhodes-Electric-Piano) und Eric Harland (Schlagzeug) vervollständigt wird (Letzterer war ebenfalls bereits bei Overtone mit von der Partie).

Nicht nur in der Instrumentierung, sondern auch in der ästhetischen Ausrichtung entpuppte sich Prism als Hy- brid aus 70s-Fusion-Formation und akustischer Postmodern-Jazzcombo: eine reizvolle und alles andere als alltägliche Mischung mit sehr viel Mindfuck- und Kickass-Potenzial. Diese Band rockte heftig ab, aber es gab auch einen sehr, sehr langsamen und sehr, sehr bluesigen Blues zu hören, gefolgt von psychedelisch-mysteriöser Klangmalerei – und da fiel einem ein: Ach ja, dieser Dave Holland war ja 1969 bei der Einspielung der bahnbrechenden Miles-Davis-Alben «In A Silent Way» und «Bitches Brew» dabei … Und natürlich spielte Taborn wieder einmal absolut wahnwitzig: Sogar der mit allen Wassern gewaschene Holland schaute mehrmals ungläubig staunend und selig lächelnd zu dem Tastenmagier hinüber.

Wahre Jazzwunder

Wie Taborn höchste Disziplin (etwa im Fortspinnen und im Ausschmücken von «verrückten» Motiven) mit entfesselter Wildheit zusammenbringt, ist absolut grossartig. Kommt hinzu, dass er über ein extrem variables rhythmisches Vokabular verfügt, zu dem eine sehr eigensinnige Stotterphrasierung gehört, wie man sie zuvor noch nie gehört hat.

Anlass zum Staunen hatte auch John Scofield. Er hat mit dem 1970 geborenen Kurt Rosenwinkel einen 19 Jahre jüngeren Gitarren-Buddy in seine Hollowbody Band geholt. Und so kam es zu einem kontrastreichen und äusserst animierten Griffbrett-Gipfeltreffen zwischen zwei ganz unterschiedlichen Stilisten. Auf der einen Seite Scofield mit Glatze und Bart und grimassierend wie ein Komiker: oft nahe am Blues, die Töne verbiegend, manchmal bewusst bockig phrasierend. Auf der anderen Seite Rosenwinkel mit schwarzem Käppi und flatternden Augen­lidern wie ein nervöser Neurotiker: flüssig, komplex, virtuos, zuweilen mit hymnischem Popsound spielend. Ein lautes Bravo hat sich auch der wie geschmiert laufende Groove-Motor mit Ben Street (Bass) und Bill Stewart (Schlagzeug) verdient.

Fazit: In diesen zwei Tagen konnte man in Langnau mehr Jazzwunder als in New York erleben.

www.jazz-nights.ch

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