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Nicht nur für Capri-Fischer

Noch gibt es das Museum Strauhof, noch entführt es die Besucher in andere, in besondere Welten. Die eben eröffnete Ausstellung heisst: «Inseln – Paradies und Hölle».

Wie er schmachtet, wenn er das «wundersame Eiland» besingt: «Isola Bella im Lago ­Maggiore, Insel der Schönheit, nichts kommt dir gleich!» Rudi Schurickes Tenor und Paul Linckes Melodie (1933) entführen den Besucher auf das «herrliche Kleinod unvergesslicher Pracht», wo ein Er und eine Sie einst «so selig waren». Zwei blau leuchtende Photochrom-Postkarten, über 100 Jahre alt, liefern den optischen Beweis für die Inselschönheit. Die beiden hübsch kitschig kolorierten Bilder daneben zeigen Mignon, das tanzende und singende Mädchen aus Goethes «Wilhelm Meister», das sich vor Sehnsucht nach Italien (und Wilhelm) verzehrt: Auch sie rufen wie so vieles andere in diesem ersten Saal die «Sehnsuchtsinseln im Süden» wach, von denen Generationen geträumt, die Generationen von Dichtern und Denkern inspiriert haben. Inselsehnsucht, Inselsucht Fünf weitere Kapitel erwarten den Besucher: «Inselzauber», «Utopia», «Seefahrer und Schiffbrüchige», «Gefangeneninseln» und «Toteninseln». Und je älter oder erfahrener und interessierter der Besucher ist, umso länger wird er sich in dieser Ausstellung aufhalten, die selbst, wie so manches Buch, eine Insel ist: in der Zeit und im Meer des Allzuvielen. «Es lebe die Museums-Insel Strauhof!» war bereits im «Vorzimmer» zur Ausstellung in einer Flaschenpost zu lesen, wo man eingestimmt wird auf den Doppelcharakter der Insel: Sie kann ebenso Verheissung wie Enttäuschung bedeuten, Freiheit und Ausweglosigkeit, Splendid Isolation und jämmerliche Einsamkeit oder, in den Worten von Ausstellungskuratorin Cornelia Meyer: Idylle und Desaster, Paradies und Hölle. Die Inselmetapher liesse sich unendlich strapazieren. Im Strauhof aber beschränkt man sich auf die Vorlieben der Dichter und sucht nach Antworten nicht auf das, was sie ist, sondern was die Insel einem bedeutet. So geht es denn über unsicheren Grund aus schwarzem Sand hinein in die Inselwelt, vorbei am marinen Planeten von Nadezda Suvorova mit seinen mysteriösen Inseln und den Kopftraum-Inselreisen von Judith Schalansky, die uns aus ihrem «Atlas der abgelegenen Inseln» einige schöne Sätze auf den Weg mitgibt. Der führt also mit den verklärten Inseln des Südens zu Goethe, Jean Paul, den Entdecker der Blauen Grotte August Kopisch («Capri war die erste Insel, die ich betrat […] Einer meiner liebsten Wünsche erfüllte sich», 1836), Rilke und Gregorovius. Bruce Chatwin darf im Vorbeigehn ein wenig über «Narzissten» wie Axel Munthe oder Curzio ­Malaparte schimpfen, die sich auf Capri selbstverliebte «Traumhäuser» bauten, und Nietzsche nennt Ischia als Vorbild für Zarathustras «glückselige Inseln». Schön, dass auch der junge Gottfried Benn da ist, mit seinem Gedicht «Gefilde der Unseligen»: «Satt bin ich meiner Inselsucht …». Zuflucht und letzter Ort Grosses, Mythisches, Ausgedachtes hält das Kapitel «Inselzauber» bereit – wir begegnen dem vielfach geprüften Inselexperten Odysseus, barocken Spielen für und von gekrönten Häuptern, Kythera, Liebesinsel par excellence, Prosperos Insel und Mörikes Orplid. Die «Utopien» sprechen für sich, mit Thomas More, Tommaso Campanella, dem tugendhaften «Land der Zufriedenheit» des Philipp B. Sinolt. Konkret wird es wieder bei den Seefahrern und Schiffbrüchigen, von denen Ingeborg Bachmann weiss: «Es sind nicht immer die Schiffbrüchigen, die auf Inseln Zuflucht suchen.». Robinson Crusoe allerdings ist so einer und auch so mancher, der in seine Fussstapfen trat, wie der «Schweizerische Robinson» von Johann David Wyss, bei dem gleich eine ganze Familie auf der Insel landet. Auch in diesem Kapitel wird die Ausstellung wie schon zuvor kunstvoll und unterhaltsam bereichert, durch abwechslungsreiche Szenografie mit liebevollen Details und durch kurze Filmausschnitte (hier: «Robinson», «Schatzinsel», «Meuterei auf der Bounty»). Gegen Ende wird es etwas düster. Nichts Heiteres sind die Strafkolonien und Gefangeneninseln, wohin uns Kafka, Tolstoi und Tschechow führen, oder die Toteninseln, zu denen auch die Ufenau gehört, wenn C. F. Meyer dichterisch von «Huttens letzten Tagen» berichtet. Der angeregten Leselust, mit der man die Ausstellung verlässt, tut das jedoch keinen Abbruch. «Über Inseln lässt sich viel erzählen», wird zuletzt Ernst Jünger zitiert, und das Zitat nimmt man gern nach Hause. Es schliesst mit den Worten: «… alles ist Insel, auch Kontinente, und selbst die Erde ist ein Inselchen im Äthermeer.»

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