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Nie hoch genug

Ein Extrembergsteiger kann vieles sein: Held, Opfer oder Verrückter. Wer grosse Risiken bewusst in Kauf nimmt, hadert oft mit einem psychologischen Problem. Vor allem, wenn jedem Kick noch ein heftigerer folgen muss.

Es gab einmal eine Zeit, in der nur die Stärksten überlebten. Das ist lange her, zumindest in unseren Breitengraden. Dennoch riskieren regelmässig Alpinisten ihr ­Leben, in einem archaischen Kampf Mann gegen Berg und ­dabei auch irgendwie gegen den gesunden Menschenverstand. Der Allgäuer Psychologe und Bergsteiger Manfred Ruoss hat das Verhalten Dutzender Ex­trem­bergsteiger analysiert und seine eigenen Erfahrungen aus über 30 aktiven Jahren einfliessen lassen. In seinem soeben ­erschienenen Buch «Zwischen Flow und Narzissmus – Die Psychologie des Bergsteigens» kommt er schon im Titel auf den Punkt: Wer systematisch Grenzen überschreitet, hat vielleicht gar keine oder spürt sie nicht. Der Zwang, um jeden Preis Spitzenleistungen zu erbringen, zieht sich wie ein roter Faden durch die vorgestellten Lebensgeschichten. Doch das erreichte Ziel verblasst bald. Nach einem Achttausender ist ein Siebentausender nicht mehr interessant. Innere Leere und Unzufriedenheit stellen sich beim geradezu Getriebenen wieder ein. Eine grössere Herausforderung muss her. Sich nicht liebenswert fühlen Narzissmus ist ein wachsendes Gesellschaftsphänomen, insbesondere in der westlichen Hemisphäre, wie Psychologen aus Forschung und Praxis aufzeigen. Dieses besondere Persönlichkeits­profil wird für individuelles egozentrisches Handeln, bis hin zur globalen Finanzkrise, verantwortlich gemacht. So führt es zum Beispiel auch Manfred Ruoss in seinem Buch an. Die meist frühkindliche Erfahrung, nicht zu genügen, nicht liebenswert zu sein, wird durch grossartiges Handeln überkompensiert, lautet ein gängiger Erklärungsansatz. Leider hält das Gefühl von Grösse nicht lange an, und die negativen Selbstkonzepte kehren zurück. Bergsteigen, sagt Ruoss, eigne sich hervorragend, um Leistungen zu erbringen, welche andere bewundern. Am eigenen Körper spürt man dabei ganz besonders die Entbehrungen, die es brauchte, um diesen Sieg zu erringen – sogar unter todesmutigem Einsatz des Lebens. Manfred Ruoss erbringt die Beweisführung für seine Theorie exemplarisch an den Biografien von zwölf Extrembergsteigern und einer Bergsteigerin. Auch Frauen haben der Gefahr auf den höchsten Gipfeln und ohne Sauerstoff getrotzt. In der heroischen Männerwelt haben sie jedoch meist einen schweren Stand, denn sie entwerten die bewiesene «Manneskraft» bedenklich. Frauen sind weiterhin die Ausnahme unter den Extrembergsteigern, jedoch eher, weil sie ein sensiblerer Umgang mit ihrem Körper auszeichnet. Improvisiertes Blutdoping Wozu sogar ein Arzt fähig ist, zeigt sich beispielsweise am Extrembergsteiger Oswald Oelz aus Wald ZH, der 1978 mit einer Expedition den Mount Everest bestieg: «Ich wollte meine Gipfelchancen aufmöbeln und liess einen Liter meines Blutes aus einer grossen Vene in eine Whiskeyflasche tropfen», wird er zitiert. Nach diesem improvisierten Blutdoping unter den primitiven Bedingungen eines hochalpinen Basislagers folgen weitere Beschreibungen, wie Oelz lebensbedrohliche Sym­pto­me von Höhenkrankheit übergeht und der Öffentlichkeit am Ende seine erfrorenen Zehen wie Trophäen präsentiert. Bedenklich wird es, wenn Ex­trembergsteiger ihre gefährlichen Touren auf Kosten von Seilpartnern, Rettungskräften und Angehörigen durchziehen, was für eine narzisstische Persönlichkeit typisch ist. Erklimmen sie den Gipfel, sind sie Helden. Scheitern sie, umgibt sie ebenso die mystische Aura des Bergtods. Solange individuelle Risiken zulasten der Allgemeinheit gesellschaftlich getragen und medial unterstützt werden, dürften sich Extremalpinisten weiterhin bestätigt fühlen. Zwischen Flow und Narzissmus – Die Psychologie des Bergsteigens. Manfred Ruoss, Verlag Hans ­Huber. 282 Seiten, 35.40 Franken.

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