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Nie wieder heimkommen

Es ist ein uraltes literarisches Grundmotiv, das die Südafrikanerin Deborah Levy für ihren schmalen Roman «Heimschwimmen» nutzt: das plötzliche Einbrechen eines Fremden, das die Brüchigkeit einer scheinbar stabilen Gemeinschaft ans Licht bringt.

Kriegsberichterstatterin Isabel Jacobs und ihr Mann Joe, der ein bekannter Dichter ist, machen mit Tochter Nina Ferien in einer Villa unweit Nizzas, zusammen mit dem befreundeten Ehepaar Laura und Mitchell. Eines Tages sehen sie plötzlich jemanden im Pool treiben: eine junge, nackte Frau, die gleich dar­auf hektisch zum Stuhl mit ihren Kleidern springt. «Kitty Ket», wie der hippieartige Hausmeister sie nennt, erklärt ihnen, dass sie oft in der Gegend und jetzt der Meinung gewesen sei, dass eigentlich sie die Villa gemietet habe. Aber offensichtlich habe sie die Daten durcheinandergebracht. Als der Hausmeister mitteilt, alle Hotels im Dorf seien ausgebucht, bietet Isabel Kitty an, für die nächsten Tage ein freies Zimmer in der Villa zu bewohnen. Da ist er nun also im Spiel, der provozierende fremde Blick auf die scheinbar stabile Gemeinschaft, der ihre Brüchigkeit unerbittlich ans Licht bringt. Wobei es sich bei der Feriengesellschaft weniger um Leute handelt, die den Schein von Harmonie wahren wollen, als vielmehr um desillusionierte Menschen, die ihren Ausweg längst in Zynismus, Arbeitswut oder wie Mitchell im exzessiven Fressen gefunden haben. Ob Isabel und Joe jenseits von Entfremdung, jenseits von Joes häufigen Affären doch vielleicht eine tiefe Liebe verbindet, ist für den Leser eine ungelöste Frage – eine brennendere vielleicht nur noch für Nina, die 14-jährige Tochter, die zwischen lauter erwachsenen Unerlöstheiten aufgerieben wird. Verstört, ortlos, hängt sie sich an die verrückte Kitty, die, fast immer unbekleidet, an unpassenden Orten auftaucht und bald den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit enthüllt: Joe Jacobs, der berühmte Dichter, soll ihr seine Meinung über ein Gedicht von ihr sagen. Es scheint eine ganze Weile, als ginge es nicht voran in diesem Buch. Als plätschere die lächerliche Geschichte einer aufdringlichen Möchtegernschriftstellerin vor sich hin, am Schauplatz lediglich geduldet wegen ihrer aussergewöhnlichen Schönheit und wegen der Kraftlosigkeit der Beteiligten. Es kommt plötzlich, dass dies in Pastellfarben gemalte Bild überraschend seine Farbkraft zeigt: im letzten Drittel des Buches, genau dort, wo die Leserin begreift, dass es weder um Kitty noch um Joe geht, obwohl die beiden völlig in den Vordergrund der Handlung rücken. «Ich bin nach Frankreich gekommen, um dich von deinen Gedanken zu erlösen», sagt Kitty Finch, und Joe sagt zu ihr: «Es ist unaufrichtig von dir, mir ein Gedicht zu geben und so zu tun, als wolltest du meine Meinung dazu hören, wenn du eigentlich auf der Suche nach Gründen bist, weiterzuleben.» Die eigentliche Hauptfigur Aber es gibt eben solche, für die Weiterleben zu schwer ist; ein «Heimschwimmen» ganz und gar unmöglich. Von Joe Jacobs, 1937 im heutigen Polen geboren, hatte, «als er fünf Jahre alt war, (…) sein Vater gewollt, dass er sich ganz und gar im polnischen Wald auflöste. Er wusste, dass er keinerlei Spuren seiner Existenz hinterlassen durfte, unter keinen Umständen heimfinden. Das hatte sein Vater zu ihm gesagt. Du darfst nie wieder heimkommen. Das war völlig unbegreiflich und doch hatte er es irgendwie begreifen müssen.» Es ist Joes und Isabels Tochter Nina, über die diese uralten und brandaktuellen Geschichten hereinbrechen und in der dieser Sommer gleichsam implodiert. Ein ungewöhnlicher Roman, der täuschend gut mit Verborgenem arbeitet und seine eigentliche Hauptfigur erst dann enthüllt, als man sich längst auf einer falschen Fährte eingerichtet hat. Nein, Heimschwimmen, so leicht und sommerlich das klingt, ist etwas Schwieriges und Rätselhaftes. Es lässt seine Leser mit guten Fragen zurück. Deborah Levy, Heimschwimmen, RomanAus dem Englischen von Richard BarthKlaus-Wagenbach-Verlag, Berlin, 2013

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