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«Niemand weiss genau, wie es­ funktioniert, das Filmen»

Men Lareida, 1968 in Chur geboren, lebt in Zürich und Budapest. Bekannt wurde er 2005 mit «Jo Siffert. Live Fast – Die Young». An den Solothurner Filmtagen stellte er seinen ersten Spielfilm «Viktoria – A Tale of Grace and Greed» vor.

Da ist es wieder – dieses Lachen. «Ein Filmdreh ist etwas Grauenhaftes», sagt Men Lareida und verzieht keine Miene. Oder dies: «Das Schöne am Filmen ist: Niemand weiss genau, wie es funktioniert», sagt er, hält sich die Faust vor den Mund und kichert. Doch wenn er sagt, an den Filmschulen lerne man, sich für etwas zu verkaufen, das man nicht könne, bleibt Men Lareida ernst – und meint es auch so. Lareida hat zum Gespräch in die Bäckeranlage gebeten. Der kleine Park mitten im Zürcher Kreis 4 ist lange einer seiner Lieblings­plätze gewesen. Heute kommt er kaum noch hierher: «Ich mag mich nicht mehrmals kontrollieren lassen.» Ein Polizist hat ihm geraten, zurück ins Bündnerland zu verschwinden, wenn ihm das nicht passe. Seit 20 Jahren aber lebt Lareida in Zürich: «Denn eigentlich gibt es in der Schweiz ja nur zwei schöne Städte: den Kreis 4 und den Kreis 5.» Ein langer Blick nach vorn. Dann zur Seite; Lareidas Kopf hüpft beim Kichern wie der eines Wackel­hundes im Autofond. Die Grenzen des Dokumentarischen Men Lareida ist 45 und hat drei Filme realisiert. Zwei davon waren im Kino zu sehen. Im Ja­nuar dieses Jahres wurde er mit seinem neuen Werk an die Solothurner Film­tage geladen. Der Spielfilm «Vik­to­ria» erzählt von einer jungen Roma­frau aus Ungarn, die nach Zürich kommt, um hier in kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen. Sie gerät an einen Polizisten, der sie in Züritütsch nach ihrem Aufenthaltsgrund fragt. Nach mehrmaligem Nachhaken antwortet sie: «Prostitution.» Der Polizist seufzt, schüttelt den Kopf und tippt P-r-o-s-t-i-t-u-t-i-o-n ­ in den Computer. So sieht die Wahrheit aus, wenn Men La­reida sie erzählt. «Ich wollte die Pros­titution in der ganzen Widersprüchlichkeit darstellen, wie ­ ich sie während der jahrelangen Recherchen kennen gelernt habe. Das wäre dokumentarisch nicht möglich gewesen.» Dass der Film über weite Strecken dennoch dokumentarisch wirkt, liegt an den vielen Laiendarstellern, sagt Lareida. «Sie wussten sehr genau, wor­über wir in diesem Film reden.» Und an den Sets, die zwar hauptsächlich in Studios nachgebaut sind, aber bis ins Detail stimmen. «Viktoria» sei bester Beweis dafür, dass auch ein Spielfilm die Realität abbilden könne, sagt der Filmer und liefert gleich noch den Umkehrschluss: «Auch wenn ich einen Dokfilm realisiere, nehme ich Einfluss und bin am Gestalten.» Nachrichten aus einer ­ anderen Welt So drehte Lareida einen Film über den Schweizer Formel-1-Renn­fahrer Jo Siffert, ohne Ni­klaus Meienberg zu erwähnen. Der Zürcher Starjournalist hatte 1975 die Reportage «Jo Siffert» veröffentlicht. «Meienbergs Text ist grandios und hat mich letztlich dazu bewogen, meinen Siffert-Film zu realisieren. Bei den Recherchen aber wurde mir klar, dass sehr vieles in Mei­en­bergs Text schlicht nicht stimmt. Der Mann war ein genialer Schreiber – und ein genialer Schummler.» Men Lareida kam 1968 in Chur zur Welt. Das Gymnasium schmiss er und sattelte um auf eine Schriftsetzerlehre bei der «Bündner Zeitung» – die Welt der Zeitungen, des Geschriebenen und Gedruckten hatte ihn schon immer fasziniert. Während und nach der Lehre schrieb er erste Zeitungsartikel. «Schreiben ist mir bis heute sehr wichtig. Und Gestalten. Deshalb bin ich wohl Filmemacher geworden.» In Chur war es ihm bald zu eng. In Zürich ar­bei­te­te er als Grafiker und Layouter und fand zu seiner Bestimmung. Ab 1992 führte die Hochschule für Gestaltung und Kunst eine Filmklasse. Beim zweiten Jahrgang war Larei­da drin. Weil er keine Ma­tura hatte, musste er zuerst den Vorkurs besuchen. Fünf Jahre dau­erte das Studium. «Das war lang, doch wann hat man schon fünf Jahre Zeit, um sich Filme anzu­schauen?!» Sein Kopf hüpft – er strahlt. «Diese Zeit war wirklich traumhaft. Für mich war die Ausbildung der Türöffner in eine wunderbare Welt.» Die Schulung ­ der Beharrlichkeit «Pofonok» (1998) war Lareidas erster Film, ein Essay über die Faszination des Boxens. «Ich spürte diese Begeisterung in mir und wollte herausfinden, was dahin­tersteckt.» Also hat er solange Leute aus der Box­szene interviewt, bis er es wusste – und hat dann in Ungarn «Pofonok» gedreht. Und was war seine Erkenntnis? «In der Schulung der Beharrlichkeit», sagt er. Die habe er sich angeeignet. Beharrlichkeit präge seither sein Leben. «Heute filme ich, wie ich boxe.» Beharrlich blieb Men Lareida mehrere Jahre lang am Thema Jo Siffert. Lareida war drei, als Siffert im britischen Brands Hatch verunfallte. Die Erinnerungen an jenen Tag sind für ihn eine Mischung aus eigenen Bildern und Erzählungen des Grossvaters und seiner Onkel. Was aber interessierte ihn gerade an Siffert? «Dasselbe wie bei all meinen bisherigen Figuren», sagt Lareida. «Der Boxer in Pofonok, Jo Siffert und auch Viktoria sind Menschen, die mit ihrem Leben hadern und mehr wollen, als das Schicksal ihnen bereitgestellt hat. Nach oben wollen sie.» Ein besonderer Luxus: ­ Sich Zeit zu nehmen Lareidas Frau ist Ungarin – in Ungarn hat er eine zweite Familie gefunden, die Sprache gelernt und kann sich einen besonderen Luxus leisten: Zeit. Auch sein Lieblingskino ist in Budapest. Es heisst «Unseen Movie Filmclub» und zeigt Filme aus aller Welt. Was hält ihn davon ab, ganz nach Ungarn zu ziehen? «Die Filmförderung der Schweiz», sagt La­reida, ohne zu zögern. «Diese Unterstützung ermöglicht es mir, Filme zu machen.» Im Vergleich zu Ungarn sei es in der Schweiz zwar weit komplizierter im Sinne von bürokratischer Art, einen Film zu drehen. Und nur wenige Filmprojekte schafften es bis zur Realisierung. Wie immer hat Lareida meh­rere Filmprojekte im Kopf. Wird er wieder zehn Jahre brauchen, um eines zu realisieren? Dieses Mal kommt das Lachen laut und dauert sehr lange. Die Antwort aber bleibt aus.

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