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«Niemand weiss, was ich mache»

FEUSISBERG. Als WM-Starter bereitet Ottmar Hitzfeld das letzte Ausscheidungsspiel gegen Slowenien vor. Er sagt, wie er die Schweiz nach Brasilien führte und wie es um einen neuen Vertrag steht.

Sechs Spiele, drei Unentschieden und eine Niederlage (daheim gegen Luxemburg notabene) waren die Bilanz, mit der Ottmar Hitzfeld die Schweiz durch seine erste WM-Ausscheidung und an die Endrunde in Südafrika führte. Sechs Siege und drei Unentschieden sind nun die Fakten zur zweiten erfolgreichen WM-Kampagne. Seit dem Freitag ist die Schweiz zum zehnten Mal WM-Teilnehmer, der Match gegen Slowenien morgen Dienstag kann zur ungestörten Feierstunde werden. Zwölf Siege, sechs Unentschieden und nur eine Niederlage in 19 WM-Spielen sind eine aussergewöhnliche Bilanz Hitzfelds. Da lässt sich besser über die verpatzte Ausscheidung zur EM 2012 hinwegsehen.

Im günstigsten Fall findet die Schweiz gar Platz unter den sieben Topteams, die mit Veranstalter Brasilien bei der Auslosung der WM-Gruppen gesetzt sind. Was für den Schweizer Fussball ein aussergewöhnlicher Prestigeerfolg wäre – und für den Welttrainer auf der Bank. Bis dies am 6. Dezember stattfindet, wird auch die wichtigste Frage um Hitzfeld beantwortet sein: ob er zu einem vierten Zweijahreszyklus als Schweizer Nationalcoach bereit ist – mit den 65 Jahren, die er im Januar erreicht. Anders als beim letzten Mal, mitten in der EM-Ausscheidung, würde eine Vertragsverlängerung diesmal wohl kaum kritisiert.

Und so sieht Hitzfeld die Dinge jetzt, da sein zweiter WM-Start als Trainer feststeht:

Ottmar Hitzfeld, kennen Sie Karl Rappan?

Ottmar Hitzfeld: Natürlich kenne ich ihn – er ist doch jedem ein Begriff, der am Schweizer Fussball interessiert ist.

Als jener, der die Schweiz als bisher (1938, 1954 und 1962) Einziger an mehr als eine WM-Endrunde führte. Das haben nun auch Sie erreicht. Es scheint aber, als werde die dritte Qualifikation in Folge eher geschäftsmässig registriert. Enttäuscht Sie das nicht?

Nein, viele hatten in dieser Ausscheidung ja erwartet, dass wir es schaffen würden. Wir lagen immer in Führung, wir traten souverän auf. Und dann ist die Erwartungshaltung auch anders – anders als bei einer Barrage, wie sie es auch schon gab. Wie wir uns qualifizierten, war eine normale Entwicklung, zumal ja auch die Qualität der Mannschaft gestiegen ist.

Sie sagten auch, wesentlich sei, gerade im Vergleich mit der verpatzten EM-Ausscheidung, der gute Start gewesen. Gab es danach überhaupt noch Momente, in denen Sie ins Zweifeln kamen?

Nein. Der gute Start gab uns ja Sicherheit. Die Mannschaft wurde im Laufe der Zeit auch mental stärker. Obwohl: Kritisch war es nach dem 4:4 gegen Island nach einem 4:1 – und schon vier Tage später war das Spiel in Norwegen. So eine Si­tua­tion ist immer heikel, man weiss ja nie, wie die Mannschaft so etwas wegsteckt. Aber dieses Spiel war auch eine Chance und mir viel lieber als vier Wochen Pause bis zum nächsten.

Wie haben Sie die Mannschaft in jenen Tagen gespürt?

Sie war schon angeschlagen, das ist logisch. Entsprechend trafen wir Massnahmen – beispielsweise, dass die Spieler nur noch am offiziellen Termin mit den Medien sprachen. Damit wurden auch Irritationen vermieden. Und klar war mir sofort, dass Gökhan Inler nach seiner Sperre in die Mannschaft zurückkehrt.

Was war persönlich die grösste Befriedigung?

Das war dann das 2:0 in Norwegen, die Art und Weise, wie wir dort auftraten, die Solidarität, die mentale Stärke.

Wer hat im Laufe dieser Ausscheidung die beste Entwicklung gemacht?

Es machte jeder Einzelne eine gewisse Entwicklung durch. Aber den grössten Sprung machte wohl Haris Seferovic. Den haben wir aufgeboten, als er noch in der Serie B spielte. Da schüttelten manche den Kopf. Dass er dann so spielte, war wichtig und auch eine Erleichterung für mich.

Was war der Unterschied zur letzten Ausscheidung? Was haben Sie besser gemacht – oder waren einfach die Umstände besser, dass die Mannschaft mehr als Einheit wirkte?

Man muss auch Glück haben mit dem Start. Vor drei Jahren war der unglücklich mit der Niederlage gegen England und der Roten Karte für Stephan Lichtsteiner – da war die Enttäuschung gleich gross. Dann mussten wir zum unglücklichsten Zeitpunkt zu den Montenegrinern, die mit sechs Punkten gestartet waren und einen Lauf hatten. Auch in jenem Spiel hätten wir die Chancen besessen, die 0:1-Niederlage zu vermeiden.

Aber heutzutage ist die Solidarität in der Mannschaft grösser?

Richtig ist, dass wir heute mehr Qualität haben als vor drei Jahren. Aber einen guten Teamgeist hatten wir immer – auch mit teils andern Charakteren.

Jetzt geht es zum Schluss noch gegen Slowenien und da gar um die Chance, für die Auslosung der WM-Gruppen in Topf 1 zu kommen – neben Grössen wie Deutschland und Spanien. Ist das nicht eine erstaunliche Prestigesache?

Zum Ersten will ich jedes Spiel gewinnen und wollen wir die Ausscheidung vor unserem Publikum erfolgreich beenden. Die Chance, gesetzt zu werden, erachte ich als eher klein. Es wäre natürlich in erster Linie ein Vorteil, in den Gruppenspielen einem absoluten Favoriten wie Deutschland, Spanien oder Brasilien zu entgehen. Aber diese Chance überhaupt zu haben – das ist schon sensationell.

Die Schweiz hat sich nun in zehn Jahren für fünf von sechs grossen Turnieren qualifiziert. Das ist Beweis erstaunlicher Kon­stanz, was jetzt noch fehlt: am Turnier selbst was Bedeutendes zu leisten, zumindest mal die Gruppenphase zu überstehen, was einzig an der WM in Deutschland gelang …

Das Ziel ist immer, die Gruppenphase zu überstehen, also an einer WM die Achtelfinals zu erreichen. Aber wie zwingend diese Zielsetzung wirklich ist, kann man erst nach der Auslosung sagen. Zudem: Mit dem Ziel Achtel­finals stehen wir nicht alleine da. Niemand fährt zur WM mit dem Ziel, nach den Gruppenspielen wieder heimzureisen.

Aber mit dieser Mannschaft scheinen die Chancen, etwas Grosses zu schaffen, doch aussichtsreicher als zuletzt?

Ich habe schon das Gefühl, dass mit dieser Mannschaft einiges drin liegt. Wir entwickelten ja auch zunehmend Stabilität, mit sechs Siegen und keiner Niederlage, mit sechs Spielen ohne Gegentor …

… und mit einem Xherdan Shaqiri, den man wohl als den besten Einzelspieler dieser ganzen Gruppe bezeichnen kann …

Man kann auch sagen, Diego Benaglio habe eine Super-Qualifikation gespielt oder Valon Behrami habe sich im Mittelfeld zum Leader entwickelt.

Ihr persönlich nächster Schritt müsste nun aber sein, dass Sie Ihren Vertrag als Nationaltrainer verlängern. Das kann doch nur eine Formalität sein …

Zuerst werden wir die Ausscheidung abschliessen. Wir vereinbaren danach einen Termin.

Frage: Also werden Sie mit dem Nationalmannschaftsdelegierten Peter Stadelmann und dem Verbandspräsidenten Peter Gilliéron reden?

Das habe ich immer gesagt.

Aber man hatte ehedem den Eindruck, Ihr Lebensplan sehe vor, nach der WM 2014 in Brasilien und mit Beginn des Pensionsalters aufzuhören. Das muss also nicht so sein?

Das weiss ich gar nicht mehr … Klar ist, dass man sich Ziele immer auf zwei Jahre hinaus setzt, wenn man einen Vertrag unterschrieben hat.

Aber Sie wissen, was Sie machen?

Ich sage nichts dazu. Es weiss niemand, was ich mache.

Sie aber wissen es schon?

Ja, ich weiss es.

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