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Noch ist Mister Euro unersetzlich

brüssel. Mit der erneuten Wahl von Jean-Claude Juncker zum Vorsitzenden der Euro-Gruppe hat die Euro-Zone ein dringendes Problem zumindest für ein halbes Jahr gelöst. Was nachher kommt, ist jedoch völlig offen.

«Der Euro und ich, wir sind die einzigen Überlebenden», erklärte Juncker in dem für ihn typischen ironischen Stil, als die «Zeit» dem Luxemburger im April ein verfrühtes Abschiedsporträt widmete. Als Luxemburger Finanzminister war Juncker dabei, als 1991 in Maastricht der Vertrag zur Schaffung der Einheitswährung unterzeichnet wurde, und seit 1995 nimmt er als dienstältester Regierungschef der EU an jedem Gipfel teil. Dank einer speziell auf ihn zugeschnittenen Aufgabenteilung in der Luxemburger Regierung ist Juncker nach wie vor auch Finanzminister, was ihm möglich macht, seit 2005 die damals neu geschaffene Gruppe der Finanzminister der Euro-Zone zu präsidieren. Dass der deutsch-französische Motor in der EU über lange Zeit funktioniert hat, ist wesentlich Juncker zu verdanken, hat er doch häufig zwischen den beiden Regierungen vermittelt. Weil sich Sarkozy und Merkel dann zunehmend direkt verständigten, habe ihm dies viel Arbeit erspart, erklärte der Luxemburger im letzten Jahr, wobei eine gewisse Bitternis durchschimmerte, dass die beiden Politiker häufig über die Köpfe der anderen EU-Länder hinweg die Entscheide vorspurten. Der Entscheid, nun zumindest noch bis Ende Jahr weiterzumachen, dürfte mit der stärkeren Unterstützung durch den Sarkozy-Nachfolger Hollande zusammenhängen. Das in den letzten Jahren zunehmend hektischere Krisenmanagement hat Juncker gesundheitlich zugesetzt. Vier Stunden täglich müsse er für die Euro-Gruppe einsetzen, klagte der Politiker. Auch als Luxemburger Regierungschef ist der populäre Christdemokrat gefordert. Bezüglich Verschuldung ist Luxemburg zwar einer der wenigen Musterschüler in der EU, aber die Abhängigkeit vom Finanzplatz und notwendige Reformen, etwa bei den Sozialversicherungen, fordern den Luxemburger auch zu Hause. In Luxemburg erlebt Juncker zudem, dass die von ihm in Brüssel unterstützten Ideen einer viel stärkeren europäischen Integration aus nationaler Sicht häufig schwer umsetzbar sind. Er kann sich zwar zugutehalten, dass die Konstruktionsfehler des Euro mit seinen Ideen hätten ausgemerzt werden können. Wäre die EU aber tatsächlich so geeinigt, wie er sich das wünscht, müsste Luxemburg etwa auf die Blockaden bei der Zinsbesteuerung ver- ­zichten.

Obwohl sich Juncker in den letzten Jahren viel mit Wirtschaftsfragen herumschlagen musste, ist sich der auch als «Herz-Jesu-Marxist» bezeichnete Politiker seiner ursprünglich politischen Vision der EU immer treu geblieben. Dass sein Vater von den Nazis zwangsrekrutiert wurde, hat ihm die Augen dafür geöffnet, dass es bei der EU letztlich um die Frage von Krieg und Frieden in Europa geht. Damit bleibt Juncker unter der heutigen Politikergeneration eine Ausnahmeerscheinung.

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