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Nur wenige junge Frauen durchbrechen den Teufelskreis

Trotz aller gegenteiliger Bemühungen verhalten sich Jugendliche bei der Berufswahl den Klischees entsprechend: Frauen werden gerne Krankenpflegerin. Männer lieber Ingenieur. Wieso?

Es ist ein Elend. Fragt man junge Frauen und Männer im Bekanntenkreis, was sie werden möchten, sind die Antworten erschreckend stereotyp. Mädchen möchten «irgendetwas Soziales machen» und Jungs «viel Geld verdienen». Zwar bemühen sich viele Arbeitgeber sowie diverse Fachstellen seit Jahren, Frauen auch in untypische Tätigkeiten zu locken. Doch der Erfolg bleibt aus, wie die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik belegen: 2012 betrug der Frauenanteil in einer Ausbildung im Ingenieurwesen nur 6,3 Prozent (siehe Grafik). Im Gesundheitswesen dagegen waren satte 92,5 Prozent aller Schüler weiblich. Frauen seien eben naturgemäss begabter für helfende Tätigkeiten als für das Jonglieren mit Zahlen, lautet die biologistische Antwort. Doch so einfach ist es nicht. Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kommt in einer aktuellen Studie zur Berufs- und Studienwahl zum Schluss: «Der geringe Frauenanteil in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern hängt eher mit Einstellungen als mit Fähigkeiten zusammen.» So schätzten Mädchen schon in der ersten Klasse ihre Leistungen in Mathematik geringer ein als die von Jungen – sogar, wenn sie gleich gut sind.

Die Eltern sind wichtig

Die stereotype Berufswahl liegt also kaum in den divergierenden Fähigkeiten begründet, sondern eher in den unterschiedlichen Interessen und Motivationen. Die Ursachen dahinter sind komplex. Sicher ist, dass das familiäre Umfeld eine entscheidende Vorbildfunktion hat. Dies zeigen die im Mai publizierten Resultate des nationalen Forschungsprogramms «Gleichstellung der Geschlechter». Demnach wird die Tochter weniger vor vermeintlichen Geschlechterschranken zurückschrecken, wenn bereits die Mutter eine «männliche» Tätigkeit ausübt. Die Studienautoren betonen auch, wie wichtig es sei, dass die Eltern ihre Kinder bei einer untypischen Berufswahl unterstützen. Dem pflichtet Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes bei: «Die grössten Einflussfaktoren sind die Eltern.» Das Problem sei, dass gerade diese oft im alten Rollendenken verhaftet seien. Deshalb sollten sie sich unbedingt über die aktuelle Berufswelt informieren. Er rät, die Schweizer Berufsmeisterschaften, die Swiss Skills, zu besuchen, die ab dem 17.September in Bern stattfinden.

System fördert Stereotype

Ein weiterer Punkt ist unser duales Berufsbildungssystem. Mädchen und Jungen müssen sich in der Schweiz in der Regel bereits mit 15 Jahren für eine Fachrichtung entscheiden. In diesem Alter wollen sie dazugehören und orientieren sich stark an typischen Geschlechtsmustern, wie das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann festhält. Das bedeutet, dass die Jugendlichen oft dem Mainstream folgen, anstatt sich von den eigenen Fähigkeiten leiten zu lassen. Hinzu kommt, dass sie für das andere Geschlecht möglichst attraktiv sein wollen und deshalb «unmännliche» oder «unweibliche» Tätigkeiten meiden. Ein mögliches Rezept dagegen wäre, die Kombinierbarkeit nach der sensiblen Phase zu erhöhen. Das heisst beispielsweise, wer einen sozialen Beruf erlernt hat, könnte später relativ unkompliziert in ein technisches Fach wechseln.

Familienwunsch entscheidend

Der grösste Hemmschuh für eine uneingeschränkte Berufswahl dürfte aber ein dritter Aspekt sein: der Wunsch nach Kindern. Frauen, so zeigt das nationale Forschungsprogramm, wählen in erster Linie einen Beruf, der sich gut mit einer Familie vereinbaren lässt. Also eine Tätigkeit, die man auch in Teilzeit ausüben kann. Das sind automatisch Berufe, die weniger Prestige geniessen und schlechter entlöhnt werden. In der Folge stecken die Frauen nach der Familiengründung aus ökonomischen Gründen eher zurück als der Mann. In diesem Dilemma eine Lösung zu finden, ist fast unmöglich. Die St.Galler Wirtschaftsprofessorin Monika Bütler spricht von einem Teufelskreis. «Kindertagesstätten würden helfen, Tagesschulen noch viel mehr. Aber nur nach dem Staat zu rufen, ist etwas einfach. Was es braucht, sind Väter, die den Mut haben, für ein krankes Kind zu Hause zu bleiben, und Mütter, die den Vätern auch wirklich etwas zutrauen.» Sie ist überzeugt, wenn Männer vermehrt Teilzeitstellen einfordern, werden mehr Firmen diese anbieten. Doch: «Das bedingt dann aber auch, dass sich die Frauen nicht auf Frauenberufe einschränken.» Und damit beginnt der Teufelskreis von Neuem.

Männer stärker diskriminiert

Im Übrigen werden nicht nur die Frauen diskriminiert, sondern die Männer fast noch mehr: Mädchen, die einen «Männerberuf» wählen, profitieren meist, was Status und Lohn betrifft. Jungen dagegen, die zum Beispiel Kleinkinderbetreuer werden, kämpfen nicht nur gegen Vorurteile, sie verdienen auch deutlich weniger als ihre Kollegen in anderen Branchen.

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