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«Ohne AKW ist die Stromversorgung der Schweiz nicht gewährleistet»

Deutschland und die Schweiz vollziehen die Energiewende – Frankreich setzt weiterhin auf Atomkraft. Chefstratege Bernard Bigot, Kopf des französischen Energiekommissariats, verfolgt die Diskussionen in den Nachbarländern aufmerksam – und skeptisch.

Herr Bigot, Sie kennen die Schweiz und ihre Energiepolitik sehr gut. Was sagen Sie zur neusten Debatte? Bernard Bigot: Sie dreht sich letztlich um die Frage der Versorgungssicherheit. Und damit diese gewährleistet werden kann, genügen die erneuerbaren Energien meines Erachtens nicht. Die Schweiz droht langfristig eine unangenehme Überraschung zu erleben, ähnlich wie heute Japan. Seit Fukushima hat die japanische Industrie Kapazitäten verloren, obwohl sie wieder vermehrt Rückgriff auf thermische Kraftwerke (Gas, Erdöl) nimmt. Das rührt auch daher, dass Japan seinen Stromverbrauch kaum antizipierte. Weltweit erhöht sich der Stromkonsum jedes Jahr um 8 Prozent, und das trotz aller Sparbemühungen. In der Schweiz ist diese Zunahme derzeit nicht abgedeckt. Ohne Atom ist die Stromversorgung der Schweiz nicht gewährleistet. Unsicherheitsfaktoren gibt es nicht nur im Bereich der witterungsabhängigen Sonnen- und Windenergie, sondern, was weniger bekannt ist, auch im Bereich der Wasserkraft, wo je nach Jahr 25 Prozent mehr oder weniger produziert werden können. Deshalb wollen einzelne Parteien die AKW-Laufzeit auf 60 Jahre und mehr verlängern. Während Grüne als Obergrenze 45 Jahre zulassen wollen. Was ist technisch angezeigt? Ich habe in den USA Kernkraftwerke besucht, die 60 Jahre alt sind und perfekt funktionieren. Es zählt aber nicht nur der technische Aspekt. Nach 50 Jahren sind die Anlagen normalerweise amortisiert. Das scheint mir ein vernünftiger Zeitpunkt, die alten Kraftwerke durch Reaktoren der neuen Generation zu ersetzen. Diese integrieren die Lehren aus den jüngsten atomaren Zwischenfällen und Unfällen: Sie verfügen über dreifache Schutzwände und neue Systeme, die sogar bei der Kernfusion – dem schlimmsten Unfall – und dem Ausfall sämtlicher Kühlsysteme verhindern, dass Radioaktivität austritt, bis sich diese Jahre später natürlich abgebaut hat. Sie meinen den Druckwasserreaktor EPR, den französische Ingenieure in der Normandie, in Finnland und in China bauen – allerdings mit riesigen Verzögerungen und Mehrkosten. Diese Probleme entstanden gerade durch die erhöhten Sicherheitsauflagen. Ausserdem hatten wir in Frankreich seit 1988 keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut und waren aus der Übung gekommen. Anders in China, wo der AKW-Bau in den letzten Jahren nie ganz zum Erliegen gekommen war. Am Standort Tai Shan soll der erste EPR Mitte 2016 ans Netz gehen. Kann die Schweiz bei Versorgungsengpässen weiter Strom aus Frankreich beziehen? Frankreich und die Schweiz sind natürliche Partner, und selbst wenn die Regierung in Paris gewisse Abstriche an ihrem AKW-Park vornehmen will und in gleichem Mass auf Alternativenergien setzt, wird Frankreich weiterhin Atomstrom produzieren. Aber es ist nicht auszuschliessen, dass sich die öffentliche Meinung in Frankreich ihrerseits entwickelt und die Frage aufwirft: Warum sollen wir Franzosen die Endlagerung atomarer Abfälle auf uns nehmen – aber uns zugleich verpflichten, anderen Strom zu liefern? Ich selbst bin für eine europäische Kooperation, die aus den unterschiedlichen Energieressourcen aller Länder gemeinsam Nutzen zieht – um nicht von russischem Gas oder saudischem Öl abhängig zu sein. Wie ist eine europäische Energiepolitik möglich, wenn Deutschland und Frankreich gegenteilige Wege gehen? Es stimmt, Deutschland hat den europäischen Elektrizitätsmarkt völlig ausgehebelt – Gaskraftwerke etwa sind nicht mehr rentabel, weshalb sie nun von Konzernen wie EON abgestossen werden. Dazu importiert Deutschland heute sogar Kohle aus Australien und den USA, was ein unökologischer Widersinn ist. Langsam merken die Deutschen, dass ihre Energiewende langfristig nicht aufgeht, zumal sie sich unter anderem auf russisches Gas stützt. Schon jetzt beziehen sie kräftig Strom aus österreichischen Wasserkraftwerken – und absurderweise aus französischen Atommeilern. Die Deutschen sind sich bewusst, dass sie ihre Zukunft ohne Atom teuer erkaufen müssen. Nicht in Zukunft – das tun sie heute schon! Der Strompreis in Deutschland liegt bereits über dem französischen. Das sollte der Schweiz zu denken geben. Sie hat das Glück, dass sie das französische und das deutsche Energiemodell sehr genau verfolgen und miteinander vergleichen kann. Volkswirtschaftlich ist das Resultat klar. Die Bedingung ist natürlich die Sicherheit der Kernkraftwerke. In den neuen Reaktoren ist die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls unendlich klein, da das System der «gestaffelten Sperren» nicht einmal dann Radioaktivität freisetzt, wenn zufällig mehrere Unfälle zusammenfallen. Noch wichtiger scheint mir die Ausbildung und Reaktionsfähigkeit des AKW-Personals. Da gehört die Schweiz zur Weltspitze. In technischer, mentalitätsmässiger und demokratischer Hinsicht erreicht der Schweizer AKW-Bestand ein äusserst hohes Sicherheitsniveau. Ich kann der Schweiz nur empfehlen, die Energiedebatte rational und leidenschaftslos zu führen.

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