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Ohren für das Hörglück

Im Musikbetrieb ist John Cage eine Randfigur geblieben – sogar in den Zirkeln Neuer Musik. Dass sein Einfluss auf die Musik und die Kunst des 20. Jahrhunderts aber enorm war, bezweifelt niemand. Der Meister des Zufallsprinzips kam heute vor 100 Jahren zur Welt.

Im Juni 1991 wurden im Opernhaus Zürich John Cages «Europeras 1 & 2» aufgeführt. Es war ein Durcheinander sich überlagernder Ereignisse auf der Bühne. Gesang, Instrumentales, Kostüm, Bühnenbild. Licht und Spiel – von einem Zufallsmechanismus «dirigiert», vemittelte diese Collage aus bekannten Musikfetzen den Eindruck einer in anarchischer Auflösung begriffenen Kunst. Als ein Endspiel der grossen Operntradition mochte man die Aufführung empfinden, als eine Entsorgungsaktion. Wer gewohnt war, gebannt auf den gemeinsamen Fokus von Bild, Ton und Aktion zu schauen, machte die befremdliche Erfahrung, nun plötzlich auf die Opernhausbühne zu blicken wie in ein Aquarium, wo sich hinter dicken Scheiben exotische Fische durcheinandertummeln, von undurchschaubaren Impulsen geleitet, schillernd und rätselhaft stumm in einer hermetischen Welt.

Uraufgeführt vier Jahre zuvor an der Frankfurter Oper, waren die «Europeras» eine Art Endstation von Cages langer Wanderung durch die Kunstwelt. Es war aber auch eine Rückkehr. Erst in seinen letzten Jahren wandte sich Cage überhaupt wieder – auf solche und ähnliche Weise – dem zu, was in der Tradition «Musik» hiess. Das Zufallsprinzip dagegen, zuerst mit Münzwurf, dann mit Hilfe eines chinesischen Orakelbuchs und schliesslich des Computers in Gang gesetzt, war für ihn schon jahrzehntelang geübte künstlerische Praxis. Sie führt zu immer wieder neuen, überraschenden Manifestationen. Denn in seinen Konzepten liess Cage die Fantasie walten, die er im Erklingenden selbst für unstatthaft hielt: Entsubjektivierung der Kunst war ja gerade das Ziel der Zufallsoperationen.

Offenheit

Statt schöpferische Subjektivität suchte Cage die radikale Offenheit – in der Kunst oder schlicht ge­gen­über allem, was sich ereignet und ist. Es ging dabei nicht «nur» um Kunst, sondern um eine Lebenshaltung. Ihn selber machte diese «Offenheit» zeitweise zum Waldbewohner und zum Pilzekenner – als solcher wurde Cage in den USA dank einer TV-Quizsendung zur prominenten Persönlichkeit.

«Wir wollen das Leben akzeptieren und uns bewusst werden, wie wundervoll es ist, wenn man sich von seinen Gedanken und seinen Wünschen löst und die Dinge einfach geschehen lässt», sagte er im Interview. Man kann solche Sätze auch als die eines Gurus verstehen. «IC» nannten ihn die, die ihm nahestanden, und es war ihnen dabei bewusst, dass das Kürzel nicht nur für John Cage, sondern auch für Jesus Christus stand. Yoko Ono, die mit John Lennon zusammen eine Zeit lang Tür an Tür mit Cage wohnte, sagte es so: «Er hatte eine ungeheure Ausstrahlung, denn was er machte, war vollkommen einzigartig, und in gewisser Weise hat er der Welt gezeigt, was möglich ist. Aber im normalen Leben war er einfach ein sehr lieber Mensch.» Der Messias, der die Entwicklungen der Kunst seines Jahrhunderts prägte, war zunächst für ein geregeltes Komponieren ausgebildet und nahm Unterricht in Kontrapunkt bei Arnold Schönberg (1935–37), aber er hatte, nach eigenem Bekunden, kein Gefühl für Harmonie. Sein eigener Weg als Komponist begann folgerichtig mit der Erkundung von Klängen und Geräuschen abseits des Gewöhnlichen und mit Perkussion, für die er selbst gebaute Instrumente oder Alltagsobjekte verwendete.

Ein neues Orchester

Ergebnis dieser Beschäftigung war die Erfindung des präparierten Klaviers. Zunächst nur Ersatz für ein umfangreiches Perkussionsorchester unter engen räumlichen Verhältnissen für eine Tanzaufführung, wurde daraus ein neues Instrument. Cage schuf dafür sein erfolgreichstes Werk, die «Sonatas and Interludes» (1946–1948): ein Kosmos von Klangeffekten, von dem Komponisten bis heute zehren.

Zen und östliche Philosophie führten Cage zur zweiten «Erfindung», die seinen Ruhm begründete: die konsequente Anwendung von Zufallsoperationen, die er in seiner «Music of Changes» 1951 erstmals konsequent einsetzte. Damit beeinflusste er nicht nur die aufgeschreckte musikalische Avantgarde. Mit Merce Cunningham, seinem Lebenspartner, hielten Cages Zufallsprinzipien Einzug in der modernen Tanzchoreografie. Künstler wie Jasper Johns und Robert Rauschenberg, die in seiner 1953 gegründeten Company mitar­bei­te­ten, liessen sich davon für ihre Malerei inspirieren, und ihr Einfluss dauerte an, von der Kunstbewegung Fluxus in den 60er-Jahren bis zur Rockmusik der 80er-Jahre. Auf Cage berief sich die Band Einstürzende Neubauten, als sie das Schlagzeug durch Schrott ersetzte.

Die Entlassung des Klangs und des Rhythmus in die Eigenständigkeit ist eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts, die nicht nur mit Cage zu tun hat. Dieser war aber der radikalste Verfechter der Desintegration und damit des Neuen Hörens. Wie radikal, zeigt sein berühmt-berüchtiges Stück: «4’33’’» für Klavier, für das er keine Noten, sondern nur Stille komponierte. Das Ohr, das in vier Minuten und 33 Sekunden vom Pianisten und dessen Instrument nichts zu hören bekommt, hört umso mehr alles, was sich sonst im Raum tut: glückliches Hören.

Kein Stundenschlag

Die «Happy New Ears», die Cage seinem Publikum wünschte, werden von Komponisten heute mit einer gewisssen Selbstverständlichkeit bedient – auch von Opernkomponisten. Anlässlich der Uraufführung von «Europeras» in Frankfurt hatte damals der Neue- Musik-Theoretiker Heinz-Klaus Metzger zwar noch die (dialektische) «Aufhebung» der Oper verkündet und er war gespannt, ob die Opernkomponisten begreifen würden, was die Stunde geschlagen habe. Die Stunde ging vorbei, und die Komponisten komponieren weiter. Zufallsmechanismen oder Aleatorik mögen ihren Platz dabei finden, aber im Wesentlichen wollen sie realisieren, was sie innerlich hören und erahnen. Die radikalen Ideen von Zen und Zufall schwimmen mit im breiten Strom der Zeit und sind Teil seines tausendstimmigen Rauschens – dem hört John Cage, der am 12. August 1992 starb, jetzt vielleicht zu. Mit Happy Ears.

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