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Parodistisches Ballett nach Büchner

Zürich. Georg Büchners Lustspiel «Leonce und Lena» hält Einzug in Zürich, ohne Text, aber mit viel Tempo. Die Premiere des von Christian Spuck choreografierten Balletts wurde bejubelt.

Um es vorwegzunehmen: «Leonce und Lena» – 1836 von Georg Büchner geschrieben – ist ein vertracktes Stück. Zwar wird es vom blutjungen Schriftsteller, Revolutionär und Arzt als Lustspiel bezeichnet, es ist aber eher eine bitterböse Politsatire mit dem Büchner-typischen Hang zur Melancholie. Müssiggänger und Prinz Leonce von Popo will seinem Schicksal entfliehen – konkret der von seinem Vater für ihn ausgesuchten Braut – und läuft ihr, nämlich Prinzessin Lena von Pipi, wie einst König Ödipus direkt in die Arme. Die beiden wissen nicht, in wen sie sich eigentlich verliebt haben, und landen als Automaten verkleidet am Popo-Hof, wo sie flugs getraut und gefeiert werden. Erst als die Masken fallen, erkennen sie einander und tun schliesslich das, was man von ihnen verlangt: einen dekadenten Zwergenstaat beherrschen und sich zu Tode langweilen. Eigentlich könne man «Leonce und Lena» nicht choreografieren, meinte Christian Spuck, Ballettchef des Zürcher Opernhauses. Das Stück sei zu doppelbödig, ironisch, Büchners Sprache tanze schon von alleine. Er hat es trotzdem gewagt – und gewonnen. Die 2008 für das Aalto-Ballett-Theater in Essen entstandene Choreografie wurde auch in Kanada und am Stuttgarter Ballett gezeigt – und ist nun also mit ihrem Schöpfer an jenem Ort angekommen, wo Büchner begraben liegt. Ein Handlungsballett Zwar hat es Spuck nicht geschafft, die tiefe Traurigkeit, die das Stück allem Wortwitz zum Trotz durchzieht, durchschimmern zu lassen. Aber ihm ist ein gutes Handlungsballett gelungen. Denn Geschichten erzählen und attraktiv inszenieren liegt ihm. Wie hat Spuck nun Büchners Text in Tanz verwandelt? Er hat die Karikatur in der Sprache in den Körper übersetzt, wodurch die Bewegungen ins Groteske gesteigert sind. Und er hat mit Zitaten gearbeitet. Büchner bediente sich bei Shakespeare, Goethe und der Commedia dell’Arte; Spuck bei Cranko, MacMillan und Kurt Jooss. Eine Herausforderung für die Compagnie war, dass sie bei ihrer Figurengestaltung «schauspielerisch» vorgehen mussten, was alle «con brio» schafften. Filipe Portugal gab einen herrlich kindischen König Peter, dessen Solo mit populären Moves von Moonwalk bis Gangnam Style für Gelächter im Publikum sorgte; Viktorina Kapitonova eine charmante Rosetta; Yen Han einen devoten Hofmeister. Katja Wünsche und William Moore sind längst ein eingespieltes Team, ihre Lena ist quirlig-naiv, sein Leonce, dem gekonnt langweilig ist, ist leider ein bisschen langweilig. Dafür ist sein frecher Freund Valerio um so witziger: Arman Grigoryan ist endlich wieder zurück auf der Bühne und umgarnt Lenas Gouvernante. Eine Augenweide sind die Kostüme sowie die klug konzipierte Drehbühne von Emma Ryott; ein Ohrenschmaus die Musikauswahl von Christian Spuck, welche das zentrale Motiv der Langeweile mit lüpfig-lustigen Tänzen kon- trastiert. Dabei werden das 19. und das 20. Jahrhundert durch elektronische Klänge von Martin Donner und Dirigent James Tuggle zusammengehalten. Zu diesen Tönen gesellen sich alte Popsongs aus Leonces Kassettenrekorder. Das sorgt für Gekicher, evoziert aber nicht das melancholische Lachen, das am Schluss, als Leonce und Lena zu Marionetten gefrieren, angebracht gewesen wäre. Vielleicht ist Christian Spucks «Woyzeck» im Oktober diesbezüglich tiefgründiger.

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