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Pharmaindustrie verschreibt sich Transparenz

Novartis, Roche und Co. wollen sich nicht länger vorwerfen lassen, sie machten sich Ärzte und Apotheker durch Zuwendungen oder Geschenke gewogen. Und setzen auf eine grosse Transparenzoffensive. Der Anstoss dazu kam aus den USA.

Der Pharmaindustrie wird seit langem vorgeworfen, sie beeinflusse Ärzte und Apotheker mit Geschenken und üppigen Honoraren. In den USA droht derzeit Novartis möglicherweise sogar ein Prozess wegen Schmiergeldzahlungen. Damit soll jetzt Schluss sein. Geschenke sind in der Schweiz seit Juli dieses Jahres nicht mehr zulässig. Wie weit die Selbstverpflichtung von Novartis, Roche und Co. geht, präzisiert Jürg Granwehr von Scienceindustries, dem Wirtschaftsverband der chemisch-pharmazeutischen Industrie: «Mitarbeiter von Pharmaunternehmen dürfen Ärzten und Apothekern nicht einmal mehr eine Flasche Wein zu Weihnachten zukommen lassen.»

Aus für Blöcke und Schreiber

Ab Mitte des nächsten Jahres dürfen die Firmen im Rahmen von Fachveranstaltungen auch keine Gegenstände von geringem Wert mehr verteilen. Darunter fallen etwa Schlüsselanhänger mit Firmenlogo. Selbst Schreibblöcke und Kugelschreiber, die den Namen von Pharmafirmen tragen, werden an Veranstaltungen für Ärzte und Apotheker nicht mehr aufliegen. «Es wäre den Firmen nur noch erlaubt, Stifte und Notizblöcke ohne Logo abzugeben. Darauf werden dann wohl die meisten verzichten», so Granwehr. Der Trend zu mehr Transparenz kommt aus den USA. Dort legt ein Gesetz – der «Physician Payment Sunshine Act» – fest, was zulässig ist und was nicht. Dieses sieht beispielsweise vor, dass Zahlungen von Pharmafirmen an Mediziner und Spitäler in der zentralen Datenbank «Open Payments» offenzulegen sind. Sie ist kürzlich aufgeschaltet worden. Dabei zeigte sich unter anderem, dass Geschenke, die die 1000-Dollar-Grenze überschreiten, gang und gäbe sind (siehe auch Kasten). In Europa setzt man derweil auf Selbstregulierung. Die Europäische Union hat bislang davon abgesehen, eine entsprechende Richtlinie zu erlassen. Im Jahr 2013 hat jedoch der europäische Verband der pharmazeutischen Industrie einen Rahmenkodex zur Offenlegung aller Zahlungen verabschiedet. Gestützt darauf hat der Verband Scienceindustries den Pharma-Kooperationskodex erarbeitet, der anschliessend von rund 50 Firmen unterzeichnet worden ist.

Transparenz wird die Regel

Der für die Schweizer Unternehmen geltende Pharma-Kooperationskodex sieht ab 2015 eine wichtige Neuerung vor: Ab diesem Jahr müssen die Pharmaunternehmen geldwerte Leistungen, die an Ärzte und Apotheker sowie an Spitäler, Stiftungen oder etwa Universitäten gehen, erfassen. Dazu müssen noch gesondert Aufwendungen für Forschung und Entwicklung verzeichnet werden. All diese Angaben müssen die Firmen dann im Jahr 2016 auf ihren Internetseiten veröffentlichen. Im Gegensatz zu den USA gibt es keine zentrale Datenbank. Mit dem geplanten Transparenzvorstoss kommt auf die Pharmafirmen viel Arbeit zu. Standard wird künftig, dass die Namen von Ärzten und Apothekern publiziert werden, die von ihnen für eine Tätigkeit in einem Beratergremium oder für einen Kongressvortrag bezahlt wurden. Ein Eintrag ist auch erforderlich, wenn ein Pharmaunternehmen eine Fachperson an einen Kongress einlädt. Neben den Teilnahmegebühren sind auch die Kosten für Reise und Unterkunft fein säuberlich zu dokumentieren. Allerdings dürfen in diesem Fall die Pharmafirmen nicht die gesamten Kosten tragen: Wer die Einladung zu einem Fachkongress annimmt, muss sich seit 2009 zu mindestens einem Drittel an den Reisekosten beteiligen. Die Bezahlung von Reise- und Unterkunftskosten der (Ehe-)Partner durch die Pharmafirmen ist zudem nicht zulässig.

Hunderte Arbeitsstunden

Noch lässt sich der Aufwand für die geplante Offenlegung nicht annähernd beziffern, doch beim Berner Pharmaunternehmen CSL Behring geht man bereits von Hunderten von Arbeitsstunden aus. Und bei Roche in Basel ist man gerade dabei, Prozesse zu optimieren, um das Ganze mit den vorhandenen Arbeitskräften stemmen zu können.

Die Ausnahmen

Von der Pflicht zur Offenlegung sind nur wenige Dinge ausgenommen. Etwa Rabatte, die Mediziner und Apotheker beim Einkauf von Arzneimitteln erhalten. Auch Medikamentenmuster müssen nicht angegeben werden, allerdings sind sie heute schon stark kontingentiert. Essenseinladungen von Fachpersonen bis maximal 150 Franken im Rahmen von Veranstaltungen oder Fachgesprächen müssen ebenfalls nicht offengelegt werden. «In der Schweiz sind die Verköstigungspreise höher als anderswo», meint Jürg Granwehr, angesprochen auf die grosszügige Limite. Vielleicht trägt aber bei den hiesigen Pharmaunternehmen auch die Erfahrung aus den USA dazu bei. Dort muss praktisch jeder Kaffee, der einem Mediziner offeriert wird, von den Firmen einzeln aufgelistet werden. Das führt neben gigantischem Aufwand zu einer unübersichtlichen Datenbank «Open Payments». Dabei sollte sie eigentlich der einfachen Kontrolle der Verflechtungen zwischen Industrie und Ärzten dienen.

Wie reagieren die Ärzte?

Die Verbindung der Schweizer Ärzte und Ärztinnen FMH begrüsst die Transparanzinitiative der Pharmaindustrie ebenso wie der Schweizerische Apothekerverband. Das ist zumindest die offizielle Haltung der beiden Verbände. Wie die einzelnen Ärzte zu den neuen Regeln stehen, wird sich noch zeigen. Die Pharmaunternehmen müssen die Ärzte und Apotheker jeweils fragen, ob sie mit der Publikation ihres Namens einverstanden sind. Lehnt etwa ein Arzt dies ab, kann die Firma die Zusammenarbeit mit ihm beenden oder aber die geldwerten Leistungen aggregiert, das heisst zusammengefasst, und ohne Namensnennung eintragen. «Wenn auf einer Firmenseite der Name eines Mediziners steht und dass er so und so viel erhalten hat, bestätigt das erst recht Vorurteile», sagt ein Berner Arzt, der nicht mit seinem Namen in der Zeitung stehen will. Er verzichte dann lieber auf ein zeitintensives Beratermandat für die Pharmaindustrie und widme sich stattdessen noch mehr seinen Patienten. Bei Scienceindustries erhalte man in Sachen Erlaubnis zur Offenlegung der Namen von den Firmen bislang positive Rückmeldungen, so Jürg Granwehr. Er räumt aber ein, dass man weiterhin Überzeugungsarbeit leisten müsse.

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