Winterthur

Plötzlich wollen die Freikirchen eine Debatte

Die Evangelische Allianz, Dachorganisation vieler Freikirchen, startet heute in eine Podiumsreihe mit Andersdenkenden. Erstes Thema ist die Entstehung der Welt. Was ist von dieser Debatte zu erwarten? Ein Gespräch mit Allianz-Sprecher Andreas Kleeli.

Die Erde, ein Produkt des Urknalls und der Evolution oder ein Spielball Gottes? Darüber wird heute in Winterthur debattiert. Foto: PD

Die Erde, ein Produkt des Urknalls und der Evolution oder ein Spielball Gottes? Darüber wird heute in Winterthur debattiert. Foto: PD

Die Evangelische Allianz hat zuletzt ihre Offenheit gegenüber anderen Glaubensrichtungen betont. Nun starten Sie eine Podiumsreihe mit Andersdenkenden. Herr Kleeli, werden die Freikirchen plötzlich liberal?
Ich denke nicht, dass liberal der richtige Begriff ist. Ich würde sagen, wir werden gesellschaftsoffener in Bezug auf andere Konfessionen. Früher haben wir uns stärker abgegrenzt. Heute leben wir gegen aussen das Motto: Im Kern des christlichen Glaubens eins, im Stil verschieden.

Im Ramadan hält die Allianz Ihre Mitglieder an, für Muslime zu beten. Ist auch das eine Öffnung?
Nein, das hat mit unserem Missionsverständnis zu tun. Es ist klar, als Christen wollen wir die gute Nachricht von Jesus verkünden. Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass wir dem Machtanspruch, den der Islam als Religion hat, etwas entgegensetzen wollen, indem wir für die muslimische Welt beten.

«Wir dürfen Ecken und Kanten haben. Der Islam macht auch nichts anderes.»

Denken Sie nicht, dass das die muslimische Gemeinschaft provoziert?
Wir müssen uns nicht davor scheuen, dass jemandem etwas in den falschen Hals gerät, und wir dürfen Ecken und Kanten haben. Der Islam macht auch nichts anderes. Es ist allerdings so, dass wir sonst auch die Verständigung mit den muslimischen Organisationen suchen. Wir unterstützen die entsprechende Initiative der Stadt Winterthur und wollen damit Eskalation verhindern helfen.

Was für eine Eskalation?
Wir hatten die Radikalisierung in den Moscheen, die zugegeben einige Jahre zurückliegt. Uns geht es darum, eine Verständigungsebene zu finden, die deeskalierend wirkt.

Sie denken, die Freikirchen haben einen Einfluss auf Radikalisierungstendenzen in der muslimischen Gemeinde?
Ich denke, wenn man Kontakt hat, kann man mögliche Konfliktpunkte ansprechen. Konflikte kann es immer wieder geben, zum Beispiel wenn ein Jugendlicher konvertiert. Da gibt es Reaktionen. Wir haben in Winterthur aber etwa auch die Friedhofskonferenz, in der wir praktische Dinge bezogen auf den Friedhof klären können und so Konflikte vermeiden.

«Es war keiner von uns dabei, als die Welt entstanden ist.»

Sie haben gesagt, die Freikirchen seien gesellschaftsoffener geworden. Gilt das auch für die Akzeptanz der Homosexualität?
Diesbezüglich positioniert sich jede Kirche selbst. Was ich mit Überzeugung sagen kann, ist, dass wir alle Menschen als Menschen annehmen, was für eine sexuelle Orientierung jemand auch immer hat.

Der Nationalrat hat vor kurzem eine Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm auf die sexuelle Orientierung beschlossen. Die Schweizerische Evangelische Allianz lehnt diese Ausweitung ab. Zu Recht?
Es gibt auch hier zwei Meinungen. Ich persönlich lehne die Anpassung der Strafnorm nicht ab, sie schützt Minderheiten, zu denen wir als bekennende Evangelikale ja auch gehören.

Die nationale Evangelische Allianz hat in einem Rechtsgutachten prüfen lassen, ob neu Bemerkungen über Homosexuelle in Predigten unter die Strafnorm fallen könnten. Wie geht das mit der Idee zusammen, dass jeder Mensch als Mensch angenommen wird.
Ich glaube, hinter der ablehnenden Haltung steckt etwas anderes. Es geht darum, dass der Minderheitenschutz nicht so weit gefasst wird, dass sich daraus ein Anspruch auf beliebige Mitgliedschaften ableiten lässt, so wie in den USA, wo die Verweigerung auf eine Aufnahme als Diskriminierung gewertet wird.

Darum geht es nicht. Die nationale Allianz zitiert selbst aus dem Gutachten, dass nur bei verleumderischen Aussagen die Norm verletzt wäre. Finden Sie, verleumderische Aussagen über Homosexuelle sollen straffrei sein?
Nein, das würde unseren ethischen Grundsätzen widersprechen. Ich bezweifle, dass die ablehnende Haltung der nationalen Allianz so gemeint ist.

«Viele Junge in unseren Kreisen können sich im Debattieren noch verbessern.»

Wenn doch, treten Sie aus?
Dann trete ich aus. Aber noch einmal: Die Allianz ist ein Interessenverband, in dem nicht jeder die gleiche Linie vertritt.

Reden wir von ihrem Anlass heute Abend. Die Evangelische Allianz lädt erstmals zu einem kontradiktorischen Podium ein. Gegenüber stehen sich Kreationismus und Evolutionstheorie. Ist denn diese Frage nicht längst entschieden?
Es war keiner von uns dabei, als die Welt entstanden ist. Da kann man sicher nicht behaupten, die Frage sei entschieden.

Glauben Sie an den Klimawandel?
Mehrheitlich ja, aus dem, was ich an wissenschaftlichen Daten sehe, glaube ich, dass wir verantwortlich sind.

Beim Klima glauben Sie der Wissenschaft, bei der Evolution nicht.
Zum Klimawandel gibt es zwei Haltungen, und auch bei der Evolution oder der Schöpfung ist das so. Zu beiden Haltungen gibt es wissenschaftliche Arbeiten.

Für beide Themen gilt auch: Der Grossteil der Wissenschaft vertritt ein und dieselbe Meinung, gestützt auf Daten und Belege.
Ich sehe das anders. Für mich als bekennenden Kreationisten gibt es bis heute keinen Beweis einer artübergreifenden Veränderung in der Natur.

Für Sie alles ein einziger grosser Plan, der sich entfaltet?
Ich glaube, wir sollten die Aufzeichnungen in der Bibel ernst nehmen. Inklusive der Sintflut.

Aufs Podium haben Sie auch einen Evolutionisten und einen Atheisten eingeladen. Das birgt das Risiko, dass einzelne Zuhörer vom Kreationismus abfallen.
Das ist gewollt. Wir wollen es der Reife jedes Einzelnen überlassen, seinen Standpunkt zu finden, auch weil wir unseren Standpunkt glauben.

«Man muss sich mal fragen, wie viele Homosexuelle wir haben und wie viel Aufmerksamkeit wir ihnen schenken.»

Geht es auch darum, Kreationisten für die Debatte zu rüsten?
Das ist tatsächlich etwas, das wir in dem Anlass sehen. Wir haben in unseren Kreisen bei den 18- bis 30-Jährigen einen Nachholbedarf. Viele können sich darin verbessern, zu debattieren, Dinge zu begründen und zu hinterfragen.

Als überzeugter Kreationist auf dem Podium sitzt Pascal Kallenberger, der in Schaffhausen als Kantonsschullehrer arbeitet. Die Evolutionstheorie ist Schulstoff. Finden Sie, ein Kreationist sollte Lehrer werden?
Kein Lehrer ist frei von eigenen Werthaltungen. Solange sich ein Lehrer an den Lehrplan hält, sehe ich kein Problem.

Es gibt immer wieder Versuche von Kreationisten, ihre Schöpfungstheorie im öffentlichen Unterricht zu verbreiten und gegen den Lehrplan zu verstossen. Was halten Sie davon?
Das lehne ich ab. Aber ich würde es sehr unterstützen, dass man den Kreationismus als Alternative in den Lehrplan aufnimmt.

Müsste man dann konsequenterweise nicht jede Schöpfungsgeschichte unterrichten, die irgendeine Gruppe vertritt?
Wir sind nicht irgendeine Gruppe, und das ist nicht irgendeine Idee, sondern ein Thema, das auf der ganzen Welt diskutiert wird. Man muss schon die Relationen sehen. Sie haben vorhin die Homosexualität angesprochen. Man muss sich mal fragen, wie viele Homosexuelle wir haben in der Schweiz und wie viel Aufmerksamkeit wir ihnen schenken.

Die Diskussion um Homosexuelle dreht sich um Lebensumstände und Rechte. Ist das im Zusammenleben nicht wichtiger als die Debatte darüber, wie sich das Leben entwickelt hat?
Die Frage, wie sich das Leben entwickelt hat, beschäftigt die Menschen seit ihren Anfängen. Homosexualität ist ein Gesellschaftsthema, vielleicht seit 40 Jahren. Die Homosexuellen in der Schweiz stehen gut da, sie sind nicht unterdrückt, niemand muss um sein Leben fürchten, wenn er sich outet.

Führen wir die Themen zusammen: Die Medizin wird es wohl bald ermöglichen, dass zwei homosexuelle Männer aus ihrem Erbgut ein Kind haben können. Bei allen auch nicht religiösen ethischen Vorbehalten: Wie ordnet sich das in ihr Schöpfungsverständnis ein?
Das muss ich nicht einordnen. Das ist eine Manipulation der Schöpfung.

Die Reihe «Denkbar» der Evangelischen Allianz startet heute Abend mit einer Diskussion um Kreationismus und Evolutionstheorie. Gäste sind der Kreationist und Gymnasiallehrer Pascal Kallenberger, der christliche Evolutionist Felix Ruther, der Zoologe Marcus Clauss und der Winterthurer Künstler Erwin Schatzmann. 19.30 Uhr im Gate 27 an der Theaterstrasse 27.

Erstellt: 28.03.2019, 16:55 Uhr

Andreas Kleeli ist Sprecher der Evangelischen Allianz und überzeugter Kreationist.

Kreationismus kurz erklärt

Kreationisten glauben, dass die Welt, das Leben und der Mensch buchstäblich so entstanden sind, wie es das Alte Testament in der Genesis beschreibt. Zu unterscheiden sind mehrere Grundströmungen, die vorab in der Auffassung über das Erdalter differieren. Kurzzeitkreationisten gehen davon aus, dass die Erde erst vor wenigen Tausend Jahren entstanden ist.

Widersprechenden Erkenntnissen wird unter anderem entgegengehalten, Gott habe die Welt älter aussehen lassen, als sie ist. Langzeitkreationisten versuchen hingegen, die wörtliche Auslegung der Genesis mit geologischen und astronomischen Modellen zum Erdalter in Verbindung zu bringen.

Neokreationistische Strömungen wiederum verzichten auf die wörtliche Auslegung der Genesis und eine verbindliche Bestimmung des Erdalters. Ihnen gemeinsam ist aber die Ablehnung des evolutionären Prinzips der natürlichen Selektion. Eine populäre Variante ist die Intelligent-Design-Theorie.

Säkulare Beobachter deuten die jüngeren Adaptionen des Kreationismus als einen politischen Versuch, die biblische Schöpfungslehre als eine Alternative zu naturwissenschaftlichen Modellen zu etablieren und im Lehrplan von Schulen zu verankern. In den USA haben Gerichte mehrfach entsprechende Initiativen unterbunden. Die etablierte Wissenschaft deutet den Kreationismus je nach Prägung als Religionslehre oder Pseudowissenschaft.

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