Winterthur

Pokémon Go für Historiker

Die Gratis-App «Swiss Squares» lädt ein, 15 Winterthurer Plätze zu entdecken. Die «erweiterte Realität» entpuppt sich als lehrreiche Spielerei.

Infoboxen schweben über der Gasse: Auf dem Handybildschirm wird die reale Welt, welche die Kamera einfängt, durch standortgebundene Informationsboxen ergänzt. Diese sind lehrreich und kurzweilig getextet und liebevoll bebildert.

Infoboxen schweben über der Gasse: Auf dem Handybildschirm wird die reale Welt, welche die Kamera einfängt, durch standortgebundene Informationsboxen ergänzt. Diese sind lehrreich und kurzweilig getextet und liebevoll bebildert. Bild: mig

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Achtung Modewort! «Augmented Reality», zu deutsch «erweiterte Realität», ist der Trendbegriff der Stunde, spätestens seit der virtuellen Monsterjagd «Pokémon Go». Die Grundidee ist simpel: Man sieht die reale Welt um sich herum, doch an strategischen Orten sind Zusatzinformationen eingeblendet. Google entwickelte dazu die schlaue Brille «Glass». Autohersteller projizieren Navigationsdaten direkt auf die Windschutzscheibe. Bei «Pokémon Go» werden an den richtigen Standorten virtuelle Mönsterchen auf das Bild der Handykamera eingeblendet.

Dem Videospiel abgeguckt

Genau nach dem gleichen Prinzip funktioniert die Handy-App «Swiss Squares», die der Schweizerische Ingenieurs- und Architektenverein (SIA) gratis anbietet. Sie präsentiert in lesefreundlichen Häppchen Informationen zu Bauten und Geschichte von 123 Plätzen in sieben Schweizer Städten. Seit Dienstag ist auch Winterthur mit 15 Plätzen vertreten. Beim Bereitstellen von Informationen und historischem Bildmaterial haben die Winterthurer Bibliotheken als lokaler Projektpartner mitgewirkt, finanziert wurde das Projekt von verschiedenen Stiftungen.

Wie schwebende Polaroids

Rund 5800 Mal wurde die App bisher heruntergeladen. Zeit für einen Selbsttest. Im App-Store ist «Swiss Squares» rasch gefunden. Einmal installiert, erkennt es selbständig den Standort und listet die nächstgelegenen Plätze auf: 88 Meter sind’s bis zur Steinberggasse, 154 bis zum Neumarkt, 223 bis zum Graben. Auf zum Stadtbummel.

Die «erweiterte Realität» ist eher anheimelnd als futuristisch. Wer die Handykamera auf den Fischermädchen-Brunnen richtet, sieht auf dem Bildschirm zwei grosse Infokacheln schweben, die mit ihrem weissen Rand an Polaroid-Bilder erinnern. Wer draufklickt, lernt Historisches und Aktuelles über das «Wohnzimmer der Altstadt». Etwa über den Stadtbach, der hier Jahrhunderte lang als offene Kanalisation durch die Gasse floss. Oder über berühmte Einwohner, von Theodor Reinhart und die Gebrüder Sulzer bis zum ersten Bundespräsidenten, Jonas Furrer.

Die meisten der acht Infohäppchen sind den alteingesessenen Winterthurern wohlbekannt, etwa dass die Gasse sich im Sommer für zwei Wochen in ein Konzertgelände verwandelt und dass die Judd-Brunnen als Badegelegenheit geschätzt werden. Manche erinnern sich auch noch an den Weltrekord, der 1987 hier aufgestellt wurde: Nachdem die Gasse autofrei wurde, lud die IG Steinberggasse dazu ein, das grösste Strassengemälde der Welt aufs Pflaster malen, einen 2960 Quadratmeter grossen Drachen.

Ein Bummel durch die Zukunft

Spannender ist die App für Winterthurer dort, wo in ihrer Stadt Neues entsteht: In Neuhegi (Eulachpark) oder im Sulzer-Areal. Am Dialogplatz, den es so noch gar nicht gibt, sieht man Pläne und Visualisierungen zum Werk 1, inklusive der Vorgeschichte mit der Abstimmung ums umstrittene Hochhaus. Am Katharina-Sulzer-Platz wird der Aufbruch eines ganzen Quartiers sichtbar, inklusive dessen nächstem Bauprojekt, der Halle 52, die abgerissen und durch den ZHAW-Gesundheitsbau «Adeline Favre» ersetzt wird. Und selbstverständlich hat auch der kürzlich mit dem SIA-Architekturpreis ausgezeichnete Lagerplatz seine Einträge.

Für geschichts- und architekturinteressierte Zeitgenossen ist die hübsch gestaltete und einfach zu bedienende App dank qualitativ guter Inhalte ein attraktiver Fremdenführer. Die «erweiterte Realität» ist dabei eher eine Spielerei, aber immerhin eine hübsche. ()

Erstellt: 14.09.2016, 18:11 Uhr

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