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Präzision ist eine Stärke der Schweiz

Es ist die versteckte Meisterklasse der Schweiz: die Präzisionsgüterindustrie insbesondere im Raum Zürich. In ihrer Bedeutung für das Land ist sie zur Nummer zwei nach der Pharmabranche aufgestiegen. Das zeigen erste Ergebnisse einer aktuellen Prognos-Studie.

«Uns liegen Genauigkeit und Präzision im Blut», beschreibt der Direktor des IBM-Labors in Zürich, Matthias Kaiserswerth, eine Schweizer Grundeigenschaft. Zu Zeiten grösster Dynamik mag das anachronistisch klingen. Doch Forscher und Unternehmer haben es geschafft, damit einen Nerv der weltweiten Wirtschaftstrends zu treffen. Welche Voraussetzungen und Hürden damit jedoch verbunden sind, hat eine Studie des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos für den Raum Zürich genauer untersucht. In Auftrag gegeben wurde die Studie durch das Standortmarketing Greater Zurich Area und der Handelskammer Zürich. Jetzt zeigen erste Ergebnisse, wie die Präzisionsgüterindustrie nach der Pharmabranche zur Nummer zwei für die Schweizer Wirtschaft aufgestiegen ist. Möglich gemacht habe dies mitunter der Innovationstreiber der Digitalisierung, für den in und um Zürich ideale Bedingungen herrschten.

Spitze ohne Scheinwerferlicht

Die Präzisionsgüterindustrie zieht selten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Das hängt auch damit zusammen, dass die zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen in sehr unterschiedlichen Gebieten tätig sind. Am ehesten im Rampenlicht stehen traditionsreiche Produzenten von Uhren und medizintechnischen Geräten. Daneben zählen zur Industrie jedoch auch Hersteller von Mess- und Kontrollinstrumenten, optischen Geräten und Prozesssteuerungsanlagen – nicht selten spielen diese in der Weltmarktspitze mit. Das bestätigt der Direktor der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf bei Zürich, Gian-Luca Bona, der für die Studie interviewt wurde. Er sagt: «Wenn man heute internationale Hightech-Produkte nimmt, stecken immer wieder Schweizer Technologien darin, die von den vielen kleinen und mittleren Unternehmen kommen, die international sehr stark positioniert sind.» Gemessen an der Gesamtproduktion der Schweiz, machen Präzisionsgüter 2012 mit 16 Prozent nach Pharmaprodukten den zweitwichtigsten Bereich aus. Ihr Anteil ist seit dem Jahr 2000 um 5 Prozent gewachsen. Platz zwei belegen sie auch, wenn es um Schweizer Forschungsaktivitäten und den Exporte geht. Weltweit ist dies zwar ein Wachstumsmarkt, doch die Schweizer Unternehmen laufen dennoch erfolgreich einem Trend entgegen: Während andere etablierte Industrieländer im Vergleich zu den Schwellenländern an Produktionsanteilen verloren haben, legte die Schweiz zwischen 2000 und 2012 von 5 auf 7 Prozent zu. In dieser Zeit hat die US-amerikanische Präzisionsgüterindustrie 14 Prozentpunkte verloren, die chinesische 18 hinzugewonnen.

Forschung zahlt sich aus

Ein Grund dürfte in der Rolle der Forschung zu finden sein – und auch hier schwimmt man gegen den globalen Strom. Der Schweizer Anteil an den weltweiten Forschungsausgaben des Bereichs ist zwischen 2000 und 2012 von 1 auf 3 Prozent gestiegen. Auch hier verlieren die Industrieländer Anteile, Schwellenländer stocken auf. Die Bedeutung dieser Investitionen zeigt sich am Beispiel der Kistler Instrumente AG in Winterthur. Bei Messtechnik für Druck, Kraft, Drehmoment und Beschleunigung zählt sie zur Weltspitze. Innovative Digitalisierungstechnologien spielen dabei eine wichtige Rolle. CEO Rolf Sonderegger sagt: «Der Systemansatz wird in der Messtechnik immer wichtiger und ist stark mit der Digitalisierung verknüpft», so Sonderegger. Es gelte, Gesamtlösungen individualisiert für den Kunden zu implementieren. Die Produktionsgüterindustrie hat verinnerlicht, dass sie die Digitalisierung braucht, um effizientere und flexiblere Produktionsabläufe zu erreichen und im härter werdenden Wettbewerb zu bestehen. Die Studie zeigt, dass ihre Prozesse weit überdurchschnittlich digitalisiert sind. Forschung und Entwicklung kommen zugute, wenn kurze Produkt-Lebenszyklen hohe Kosten für Innovationen fordern und sie riskanter machen.

Nähe fördert Innovation

In und um Zürich sind die Wege zwischen Forschung, Entwicklung und Produktion kurz. Ein gutes Klima für neue Ideen, obwohl die Digitalisierung viele Distanzhürden aufhebt. IBM-Labor-Direktor Kaiserswerth sagt: «Die räumliche Nähe ist sehr wichtig, denn man kann engere und vertrauensvollere Beziehungen aufbauen.» Es sei ein Standortvorteil, dass man Neues ausprobieren könne, beispielsweise zwischen Industrie und Hochschule wechseln, ohne einen neuen Wohnsitz zu brauchen. In Zürich konzentriert sich das IT-Know-how der Schweiz. Unweit forschen Wissenschaftler in der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH), Uni Zürich oder Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Das schlägt sich nicht zuletzt in den Patentanmeldungen nieder. Für die Entwicklung von innovativen kleinen Unternehmen zeichnet die Studie jedoch ein düsteres Bild. Der Gründerkapital-Spezialist Daniel Gutenberg von VI Partners aus Zürich sagt: «Es gibt fast mehr Geld als gute Projekte.» Angesichts attraktiver Einstiegsangebote von Grossunternehmen seien Absolventen schwer zum Start-up-Dasein zu bewegen. Anders sieht das bei ausländischen Studierenden der ETH aus, die überproportional häufig ein eigenes Unternehmen starten. Auch so wird in Zürich der Schweizer Gründergeist am Leben erhalten.

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