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Putin schneidet eigenem Volk ins Fleisch

Präsident Wladimir Putin hat auf westliche Sanktionen mit Importverboten geantwortet. Das könnte fürs Volk eine harte Hungerkur werden. Erinnerungen an die Sowjetzeit werden wach.

«Über die Anwendung von einzelnen Spezialmassnahmen zur Gewährleistung der wirtschaftlichen Sicherheit der Russischen Föderation» heisst der Präsidentenerlass. Er ist am Mittwochabend auf einer Webseite des Kremls veröffentlicht worden. Im Klartext handelt es sich dabei um Verbote oder Beschränkungen von Lebensmittelimporten aus den USA und Ländern der EU, die sich Sanktionen gegen Russland angeschlossen haben. Die Listen der betroffenen Länder und Waren wurden gestern veröffentlicht. Putins Dekret trat mit sofortiger Wirkung in Kraft. Es handle sich dabei um die erste ernst zu nehmende wirtschaftliche Antwort auf Westsanktionen, heisst es in einem Kommentar der «Nesawissimaja Gaseta». Die Gegensanktionen gelten zunächst für ein Jahr. Keine «Bush-Keulen» mehr Betroffen sind davon EU-Länder, USA, Kanada, Australien und Norwegen. Im EU-Bereich werden Deutschland und die Niederlande erwähnt. Ganz verboten werden die sogenannten Bush-Keulen aus Amerika, Hühnerimporte, die Russland in den 1990er-Jahren vor Hunger gerettet hatten. Die russische Aufsichtsbehörde für die Landwirtschaft sagte die geplanten Gespräche über Hühnerfleischlieferungen mit den USA ab. Nach Angaben von Professor Sergei Sutyrin von der St.Petersburger Staatsuniversität liefern die USA ausserdem Rind- und Kalbfleisch nach Russland. Milchprodukte kämen vor allem aus Dänemark, Finnland, Frankreich und den baltischen Ländern, Gemüse aus Polen und Meeresfrüchte aus Japan. Russland plant Gespräche mit Ecuador, Brasilien, Chile und Argentinien, die für den Ausfall einspringen sollen. Der Kreml liess die Listen zunächst geheim halten, um sich die Lobbyisten in der Vorbereitungsphase vom Hals zu halten. Alexei Alexejenko von der Aufsichtsbehörde für Landwirtschaft sagte bloss, Obst und Gemüse aus der EU, Rohkäse und Geflügel aus den USA fielen unter Vollverbot. Generell sollen nur solche Importwaren von der Lieferliste gestrichen werden, die durch russische Produkte ersetzt werden können. Einbussen unvermeidlich Nach Angaben des russischen Fischereiverbandes liefert Norwegen ein Viertel seiner gesamten Lachsproduktion (250000 Tonnen) nach Russland. Dessen eigene Kapazitäten beschränken sich auf 25000 Tonnen jährlich. Eine zehnfache Steigerung wäre nötig. Noch krasser sieht es beim Rindfleisch aus. Parolen und Befehle nutzen wenig, weil die Kuh nur ein Kalb im Jahr wirft. Hinzu kommt, dass in Russland nur Milchkühe gezüchtet werden. Die russische Wurst besteht zu 80 Prozent aus Importfleisch. Von offizieller russischer Seite werden die Gegensanktionen als eine «einmalige Chance» gefeiert, sich dem Aufbau einer eigenen, vom Westen unabhängigen Wirtschaft zu widmen. Angesichts fehlender Importe würden die russischen Unternehmer eine eigene Produktion aufbauen, heisst es. Zunächst wären Einbussen und steigende Preise unvermeidlich. Das Putin-Dekret schreibt der Regierung «Massnahmen zur Begrenzung der Preise» vor. Sollte das nicht greifen, könnte die Inflation 2014 um zusätzliche 1,5 Prozentpunkte zunehmen, meint Dimitri Polewoi von der ING Eurasia Bank. Beim Volk taucht die Erinnerung an Warteschlangen vor Lebensmittelgeschäften zu Sowjetzeiten auf, als bessere Sachen aus dem Westen nur «durch Beziehungen» zu bekommen war. Nun müsse Russlands Bevölkerung Putins Abenteuer in der Ukraine mit höheren Preisen bezahlen, schreibt der St.Petersburger Abgeordnete Boris Wischnewski.

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