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Querfeldein durch Frankfurt am Main

Wilhelm Genazino bringt die Mittelmässigkeit des Daseins zu Papier. Sein neuer Roman «Bei Regen im Saal» erzählt von einem Grossstadtbewohner, dem jegliches Talent zur Bewältigung des Alltags fehlt.

Es gibt vermutlich keinen anderen deutschen Autor, dessen Werk so eng mit Frankfurt am Main verwoben ist wie das von Wilhelm Genazino: Der 71-Jährige ist so etwas wie der Haus-und-Hof-Schriftsteller der hessischen Bankenmetropole. Als Genazino Anfang der 1970er-Jahre hierherkam – er war Journalist und ar­bei­te­te bei der Satire-Zeitschrift «Pardon» –, begann eine ebenso einmalige wie symbiotische Beziehung, die sich für Autor und Stadt als überaus fruchtbar erweisen sollte. Für Genazino wurde Frankfurt, dieser Moloch, der zwischen Geschäfts- und Rotlichtviertel beharrlich seinem angedichteten, weltläufigen «Mainhattan»-Slogan gerecht zu werden versucht, eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Und für Frankfurt erwies sich der Chronist Genazino als glücklicher Zufall, weil er als «Stadtschreiber» immer wieder nach Gründen sucht, die vorbehaltlos für die Metropole sprechen. Ein einziges Thema Seit Jahrzehnten wandert der gebürtige Mannheimer durch seine Frankfurter Wahlheimat und notiert auf Karteikärtchen Orte und Begebenheiten, die weniger aufmerksame Spaziergänger übersehen würden: die letzten verbliebenen Kürschnereien, abgewirtschaftete Bankhäuser aus Vietnam, «Plastiklokale für unemp- findlich gewordene Rentner», das überraschend reiche Tierleben in der Stadt, die Monotonie der Trinker auf der Strasse, die allgemeine Hatz des Lebens. Diese dem Alltag genau abgeschauten tragischen, absurden und rührenden Details sind die Bausteine seiner bislang achtzehn Frankfurt-Romane. Einem breiteren Publikum bekannt wurde der schreibende Flaneur 2001, als Marcel Reich-Ranickis Literarisches Quartett den Roman «Ein Regenschirm für diesen Tag» zum Bestseller erkor. 2004 erhielt Genazino den renommierten Georg-Büchner-Preis und wird seither von der Kritik für jedes neue Werk gefeiert. Das Erstaunliche und Beeindruckende daran ist, dass er eigentlich nur ein einziges Thema hat, über das er schreibt – allerdings in immer wieder überraschenden Variationen. So rückt Genazino auch in seinem aktuellen Buch «Bei Regen im Saal» mit dem Icherzähler einen mittelalten, mitteldepressiven Mann, der an der Mittelmässigkeit des Lebens im Allgemeinen und der Liebe im Besonderen leidet, ins Zen­trum seiner Weltbetrachtung. Trotz Mittelmässigkeit ist bei dem Mann aber nichts normal. Im Gegenteil: Er verheddert sich andauernd auf groteske Weise in den Fallstricken, die Frankfurts Strassen zu säumen scheinen. Als gescheiterter Philosoph steht er mit der ökonomischen und sozialen Welt sowieso dauerhaft auf Kriegsfuss: «Von Beruf war ich Rezeptionist, gelegentlich Barmixer, aber in letzter Zeit ar­bei­te­te ich überwiegend als Überwinder. Ich half Menschen, ihre zuweilen aufdringlichen oder dümmlichen Erlebnisse schneller als gewohnt zu vergessen.» Flecken auf der Hose, ein abgewetzter Kragen, ein hochgelobtes Theaterstück, der Hype um ein neues elektronisches Gadget – all das kümmert den Mann kaum. Vielmehr kreist er auf seinen Streifzügen durch die Stadt in endlosen Gedankenschlaufen um seine verunglückte Kindheit und das «wirre Querfeldeinbegehren», das es ihm unmöglich macht, sich endgültig für eine Frau zu entscheiden. Heitere Bewegung Von diesem verschrobenen Grossstadtbewohner, dem das Talent zur Bewältigung des Alltags fehlt und der sich langsam, aber sicher selbst ins Abseits manövriert, erzählt Genazino auf seine gewohnt einfühlsame Art. Vielleicht mit dem Unterschied, dass der Roman diesmal von einer grossen heiteren inneren Bewegung getragen wird. «Es gibt nichts, das durch Wiederholungen nicht komisch werden würde», hat der Autor einmal gesagt. So betrachtet, kann Genazino gerne noch ein paar weitere Variationen über sein Lebensthema schreiben. Alice Werner Wilhelm Genazino : Bei Regen im Saal. Hanser, München 2014, 160 Seiten, ca. Fr. 26.90.

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