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Raffiniert und speziell

Karin Henkel hängt Amphitryon ein Mäntelchen um. Ein Verwirrspiel über Identitäten nach Heinrich von Kleists Schauspiel am Pfauen.

Sosias, Diener des grossen Feldherrn Amphitryon, ist ein armer Kerl: Da eilt er doch seinem Herrn voraus nach Theben, um Alkmene die baldige Rückkehr ihres Gatten anzukünden. Vor dem Palast wird er jedoch jäh aufgehalten – und zwar von einem, der sich als niemand anderes als Sosias ausgibt (und auch genau wie dieser aussieht). Kein Wunder, gerät der Diener darob ziemlich aus der Fassung. Er wehrt sich zunächst tapfer für seine Identität, doch der Götterbote Merkur, der in dem zweiten Sosias steckt, setzt ihm derart zu, dass der Diener mit der Zeit nicht mehr sicher ist, ob er denn nun tatsächlich der echte Sosias sei. Bereits in dieser ersten Szene zeigt sich, wie frei die deutsche Regisseurin Karin Henkel mit Kleists Vorlage umgeht. Die Regisseurin hat diese einerseits stark gekürzt, anderseits lässt sie gewisse Passagen mehrfach wiederholen. So stürmt Sosias zu Beginn nicht weniger als viermal in den Raum und sagt: «Triumph, du bist nunmehr am Ziel, Sosias.» Kleist ist in der Endlosschleife. Und – das ist das Spezielle und Raffinierte an dieser Regiearbeit – der hereinstürmende Sosias wird jedes Mal von jemand anderem verkörpert. Drei Schauspielerinnen (Carolin Conrad, Lena Schwarz, Marie Rosa Tietjen) und zwei Schauspieler (Fritz Fenne, Michael Neuenschwander) wechseln sich ab in den Rollen des Stücks. Wer bin ich? Verwirrung total also. Das passt gut zu Kleists 1807 erschienenem Werk, dem das Thema Identitätsverlust zugrunde liegt. Nicht nur Sosias, sondern auch sein Herr Amphitryon weiss nämlich bald nicht mehr, wer er ist, seit der Donnergott Jupiter eine lange Nacht mit Alkmene in der Gestalt Amphi­tryons verbracht hat. Gegen Schluss wird das Chaos auf der Bühne so gross, dass die fünf (allesamt sehr überzeugenden) Schauspieler die Identität der Figuren mit Namensschildern festzuhalten versuchen. Doch sie werden sich nicht einig, wer denn nun wer sei, und so endet das Stück unaufgelöst mit einem «Ach!» aus Alkmenes Mund. Bei allem Ernst bietet das «Lustspiel nach Molière» auch in der neuen Zürcher Inszenierung immer wieder witzige Momente: etwa wenn Sosias’ Frau Charis von einem bärtigen Mann gespielt wird. Kurz: ein insgesamt so stimmiger Theaterabend, dass das Premierenpublikum am Freitagabend ganz aus dem Häuschen war beim Schlussapplaus.

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