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Raumschiff Voyager

Die grossen Vans sterben hierzulande langsam aus – sie werden immer mehr von SUV, Crossover und Co. vom Markt verdrängt. Einer der Klassiker hält dem Segment indes weiterhin die Treue: der Chrysler, pardon, der Lancia Voyager.

Praktische Schiebetüren, ein komfortables Fahrgefühl und jede Menge Platz: Grosse Vans sind bequem, vielseitig und beliebt. Zumindest waren sie lange Zeit beliebt, denn inzwischen droht das Segment auszusterben. Nicht in den USA, wo Soccer-Moms ihre Kinderscharen nach wie vor gerne in riesigen Vans zum Sport kutschieren; doch hierzulande ist die Auswahl inzwischen sehr ­begrenzt. Selbst der europäische «Ur-Van», der Renault Espace, wird in seiner neuesten Auflage als Crossover daherkommen. Wie schön, dass es den Voyager immer noch gibt. Der US-Van ist ein Klassiker in diesem Segment, und auch wenn er seit der Einverleibung Chryslers durch die Fiat-Gruppe nun ein Lancia-Emblem trägt, verkörpert er diese Fahrzeugkategorie wie kaum ein Zweiter. Er bietet die typischen Attribute, sieht attraktiv aus und fährt sich sehr angenehm, wie unser Test der Dieselversion in der höchsten Ausstattungslinie Platinum (ab 63?900 Franken) zeigt. Wir nehmen den Voyager beim Namen und begeben uns auf Reise – schliesslich ist ein solches Gefährt ideal dafür. Mangels Urlaub geht die grosse Fahrt gen ­Süden zwar nur bis ins Tessin – aber immerhin. Auch können wir auf die Schnelle keine Grossfamilie organisieren, um den Reisekomfort im Fond zu testen; wir begnügen uns daher mit einer einfachen Sitzprobe. In Reihe zwei sitzt es sich, wie vorne auch, bequem auf zwei Einzelsitzen mit fürstlichem Platz für Kopf und Schultern. Kinder können mit einem Film auf zwei ausklappbaren Bildschirmen un­terhalten werden. Für Erwachsene sind die Sitze allerdings etwas tief angeordnet: Langbeiner werden die Haxen etwas gar steil ­anwinkeln müssen. Die beiden Plätze zuhinterst sind, wie oft in solchen Fahrzeugen, primär für Kinder, Kleingewachsene oder Strapazierfähige geeignet. Also rein mit Kind und Kegel – respektive dem Wochenend­gepäck zweier Personen, was allerdings lediglich knapp den Fussraum der zweiten Reihe füllt –, und ab geht die Post. Man könnte natürlich deutlich mehr in den Voyager packen, schliesslich ist der Van mit einer Länge von 5,2 Metern, einer Breite von 2 Metern und einer Höhe von 1,8 Metern wahrlich ein Raumschiff. Ausserdem lassen sich die Sitze der dritten Reihe komplett im Boden verstauen und die der zweiten Reihe um- und vorklappen sowie freilich auch ausbauen – dann könnte ein kleiner Hausstand transportiert werden, das maximale Ladevolumen beträgt 4100 Liter. Allerdings erfordert der Sitzausbau Geduld und einen gesunden Rücken – hier gibt es bequemere Systeme auf dem Markt. Die grossen Schiebetüren öffnen übrigens elektrisch und lassen sich auch vom Cockpit aus oder per Fernbedienung betätigen – sie sind vor allem in engen Parklücken Gold wert. Die Ausstattung ist umfangreich, aber teilweise nicht mehr ganz taufrisch. Schon die Grafik des Infotainmentsystems verrät die Jährchen, die der Voyager auf dem Buckel hat, genauso wie es der Antrieb tut: Der 2,8-Liter-Dieselmotor ist nämlich noch ein Selbstzünder der alten Schule – er nagelt und vibriert ungeniert vor sich hin. Edel ist das nicht, doch wir nehmen es dem Lancia nicht übel, zumal sich die Geräusche im Fahrbetrieb auf einem angenehmen Niveau einpendeln. Der Verbrauch ist ebenfalls nicht zeitgemäss, auch weil ein Stopp-Start-System fehlt, aber vertretbar: Wir notierten fast zehn Liter im Schnitt – für ein Koloss dieser Grösse geht das in Ordnung. Mit einer Leistung von 177 PS und einem maximalen Drehmoment von 360 Nm ist der Vierzylinder ausreichend kräftig, um mit dem rund 2,3 Tonnen wiegenden Voyager auch mal in einer Steigung zu überholen. Angenehm: Der Wählhebel für die Sechsgangautomatik ist direkt rechts vom Lenkrad platziert. Um manuell herunterzuschalten, reicht also ein Fingerzug, während die Hand am Volant verbleibt. Auf dem Weg Richtung Süden fällt als Erstes das angenehme Fahrgefühl auf. Der Abrollkomfort ist sehr gut, der Van ist weich gefedert, ohne in Kurven zu sehr zu wanken; das Fahrverhalten ist typisch amerikanisch, aber dennoch für den europäischen Geschmack geeignet. Ebenfalls typisch amerikanisch ist aber auch die etwas lieblose Verarbeitung – darüber können auch die Bemühungen Lancias, das Auto mit feinem Leder und Features wie einer Ambient­beleuchtung aufzuhübschen, nicht hinwegtäuschen. Ein Beispiel: Die Innenkanten am vordersten der drei Ablagefächer im Mitteltunnel sind so scharf, dass man sich daran die Haut aufritzt. Diese Mäkel entdeckten wir aber nur im Detail, grosso modo wirkt der Voyager ­solid und langlebig. Untypisch für einen Amerikaner: Die Klimaanlage liess sich nie zufriedenstellend regulieren, die ausströmende Luft war entweder zu warm oder zu kalt – etwas dazwischen gab es nicht. Dennoch rollen wir entspannt aus dem Gotthard und tauchen in die Schweizer Sonnenstube ein – allerdings im Dauerregen. Das Verdikt über unser Gefährt fällt aber heiter aus: Der Lancia Voyager ist ein Paradebeispiel für einen praktischen und gleichermassen komfortablen Familien-Van im XL-Format. Einer der wenigen, die sich gegen den Trend des Vermischens von Karosserieformen anstemmt – und der das hoffentlich auch in Zukunft tun darf.

Lancia Voyager 2.8 Platinum + Sehr viel Platz + Hoher Fahrkomfort + Gute Ausstattung – Fehlende Liebe zum Detail – Rauer Dieselmotor – Eigenwillige Klimaanlage

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