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Reise ans Ende aller Geschichten

Von «The Iron Ministry» bis «Alive», dazwischen ein bisschen Sex und Leerlauf: Die Filme im Wettbewerb führen in andere Welten, andere Zeiten. Morgen geht das Filmfestival von Locarno mit der Preisverleihung zu Ende.

Es sind Szenen aus dem Leben unterwegs. Drei Jahre ist der amerikanische Dokumentarfilmer J. P. Sniadecki mit der Kamera in China herumgereist, sein Film «The Iron Ministry» zeigt das Panorama eines Landes im Blick auf seine Eisenbahnen. Menschen steigen hier in die Züge ein, sie haben oft viel Gepäck dabei, wir begleiten sie dann ein Stück ihres Weges. Manchmal kommt man ins Gespräch, die Reisenden erzählen, woher sie kommen, wohin sie gehen, eben, wie das Reisende in Zügen so tun. Nicht viel passiert. Man isst, schläft, wartet auf das Ende der Reise. Und doch wird in diesen achtzig Minuten, die der Film dauert, vieles über das China heute gesagt: über den Alltag der Menschen. Über die Partei. Über die Vergangenheit. Und die Zukunft. Einmal zeigt eine Tafel die Geschwindigkeit des Zuges: Es sind 306 Stundenkilometer. J. P. Sniadecki ist aber in ganz verschiedenen Zügen unterwegs (die Initialen stehen übrigens für John und Paul). Mit seinen Filmen nähert er sich Stück für Stück einem Land und seinen Menschen an. Wie «People’s Park» (2012) und «Yumen» (2013) ist auch «The Iron Ministry» kunstvoll aus Alltagsfragmenten komponiert, es ist der bisher welthaltigste Beitrag im Internationalen Wettbewerb. Von Station zu Station Auch die anderen Wettbewerbsfilme des Filmfestivals von Locarno sind eine Reise für sich. Nicht immer war schön, was wir unterwegs gesehen haben. Auch Krisen haben ihre Geschichten. Es geht von Station zu Station. Der seltsamste Krisenfilm im Wettbewerb ist sicher «A Blast» des griechischen Regisseurs Syllas Tzoumerkas, er erzählt von einer Frau, verheiratet, drei Kinder, die alles in einem Moment zurücklässt, was sie mit ihrer Familie aufgebaut hat: Sie wird zur Brandstifterin. Wer sehen will, wie sich das Lädelisterben in Griechenland auf die Psyche der Menschen auswirkt, wird hier gut bedient. «A Blast» ist nichts für sensible Seelen, und die Warnung im Programm, dass dieser Film das Publikum schockieren könnte, wirkte auch nachhaltig (die Vorführungen waren knallvoll). Zu sehen ist aber nicht mehr als recht unmotivierter Sex – und der Rest ist eine Ohrfeige für den guten Geschmack. Jedes Filmfestival braucht aber auch seine Knallmomente. Reise in die Kälte Es geht auch subtiler. Vom schwierigen Leben einiger Menschen in Südkorea erzählt Jungbum Park in seinem Film «Alive». Ein Mann versucht dort im kalten Norden des Landes durch den Winter zu kommen. So hart er auch arbeitet, überall wird er um sein Geld betrogen, reihum gehen die Firmen pleite. Sein Traum, in ein wärmeres Land auszuwandern, bleibt unerfüllt – wie auch sonst in dieser Umgebung jede Bewegung erstarrt. Nach drei Stunden kommt man völlig unterkühlt aus diesem Kino heraus. Auf Distanz Richtig erfreulich, wenn auch nicht gerade herzenserwärmend, ist «Listen Up Philip», der zweite Film des amerikanischen Regisseurs Alex Ross Perry. Es geht um einen Schriftsteller, der gerade seinen zweiten Roman veröffentlicht hat. Aber wichtiger ist diesem Philip sein Ego, und dieses Ego lässt keine Nähe zu: Der Mann geht zu allem und jedem auf Distanz. Er verlässt New York und seine Freundin Shirley, um auf dem Land die Ruhe zu finden, was ihm natürlich nicht gelingt. Von sich selber kommt niemand los. Hübsch ist, wie Alex Ross Perry, selber knapp dreissig Jahre alt, diesen Philip (notabene Jason Schwartzman) in die Leere laufen lässt. Einer der konventionellsten Beiträge im Wettbewerb. Aber es muss ja nicht immer Kunstkino sein.

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