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«Richterin zu werden, war wie eine Fremdsprache zu lernen»»

Margrit Gut und Salome Wyss amten begeistert als Laienrichterinnen. Auch ihrer Sicht bewährt sich die aktuelle Praxis. Kantonsrätin Céline Widmer hingegen plädiert für eine Abschaffung des Laienrichtertums.

Laienrichterin Margrit Gut: «Im Gerichtsaal ist eine gute Atmosphäre wichtig»Margrit Gut ist derzeit oft in den Kirschbäumen auf dem Hof in Buch am Irchel anzutreffen. Zusammen mit ihrem Mann Erwin und dem ältesten Sohn bewirtschaftet sie 70 Hochstämmer mit 20 verschiedenen Sorten. Etwa 1500 Kilogramm Kirschen ernten sie jedes Jahr, genug, um sie auch auf dem Markt in Winterthur zu verkaufen. Gut ist gelernte Krankenschwester, derzeit auch Präsidentin der Kirchenpflege in Buch – und seit 1996 zu 20 Prozent Bezirksrichterin am Gericht in Andelfingen. «Mein Vorbild war mein Grossvater. Auch er war 25 Jahre Richter in Andelfingen.» Bei einem Kaffee in der guten Stube erinnert sich Gut an die Anfänge als Richterin. «Es war wie eine Fremdsprache lernen.» Zuerst habe sie das Juristendeutsch überhaupt nicht verstanden, das Prozessrecht sei ihr vorgekommen «wie ein Fremdwörterbuch». Aber auch im Spital habe sie ja oft mit lateinischen Fachausdrücken zu tun gehabt, sagt die 60-Jährige und zieht eine Parallele zu ihrem erlernten Beruf. Im Gerichtssaal ist Gut die Atmosphäre wichtig. «Die Leute schätzen es, wenn sie emotional abgeholt werden.» Wenn sie in einem Scheidungsverfahren Kinder anhöre, stelle sie jeweils Rivella und eine Tüte Chips bereit, sagt Gut. Auch sie interessiert sich vor allem für die Geschichten hinter den Menschen. Ihre Lebenserfahrung und ihre Gelassenheit seien auf dem Richterstuhl sicher ein Vorteil. «Die Verfachlichung der Rechtsprechung macht sie zwar professioneller, aber nicht unbedingt besser», sagt Gut. Am Schluss müssten beide Parteien gleich glücklich oder unglücklich sein. Und sie ist überzeugt, dass Laien zu gleich guten Ergebnissen kommen wie Richter mit einem juristischen Hintergrund. Dennoch schätzt sie den Austausch mit den jungen Juristen am Gericht. Sie könnten gegenseitig voneinander profitieren.Gut besucht jedes Jahr Weiterbildungsseminare, um fachlich auf dem neusten Stand zu sein. Auch nach 18 Jahren als Bezirksrichterin hat sie noch nicht ausgelernt. Und wenn sie dennoch mal eine Lücke habe, wisse sie, wo sie sich Unterstützung holen könne. Denn auch am Gericht in Andelfingen funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Laien und Juristen gut.

Laienrichterin Salome Wyss: «Spannend ist der Schnittpunkt zwischen realem Leben und Recht»

Für mich ist das ein bisschen eine Zwängerei», sagt Salome Wyss zum Vorstoss ihrer Parteikollegin im Kantonsrat, das Laienrichtertum abzuschaffen. Harte Worte ans eigene Lager. Sportlich-elegant gekleidet, posiert Wyss auf der Treppe im Stadthaus von Illnau-Effretikon für das Foto und sitzt später entspannt in einem Sitzungszimmer, die Beine übereinandergeschlagen. Seit die 35-Jährige vor vier Jahren in den Stadtrat gewählt wurde und dort dem Ressort Sicherheit vorsteht, geht sie hier ein und aus. Eigentlich ist sie ausgebildete Sekundarlehrerin, seit vielen Jahren auch engagierte Politikerin. Zuerst politisierte die SP-Frau im Grossen Gemeinderat von Illnau-Effretikon, nun sitzt sie in der Stadtregierung. Und seit März 2013 amtet sie auch noch als Laienrichterin am Bezirksgericht in Pfäffikon. «Mit gesetzlichen Regelungen habe ich, seit ich Stadträtin bin, immer wieder zu tun.» Der Paragrafendschungel, mit dem sie zu Beginn ihrer Amtszeit konfrontiert wurde, habe sie daher auch nicht erdrückt. Und die Zusammenarbeit mit den Juristen am Gericht sei sehr gut, betont Wyss.Als Laienrichterin hat sie vor allem mit Ehescheidungen, Eheschutzfällen und Vaterschaftsangelegenheiten zu tun. In diesem Bereich der Rechtsprechung seien denn auch nicht ausschliesslich die Paragrafen wichtig. Vielmehr sieht sich Wyss als Vermittlerin. «Es geht darum, die besten Lösungen für die Parteien zu finden.» Gerade ihre pädagogische Ausbildung helfe ihr bei der Ausübung ihres Amtes sehr, ist Wyss überzeugt. «Wenn man will, kann man ein Gericht so gestalten, dass auch Laien nützlich sind.» Spannend am Richteramt findet sie «den Schnittpunkt zwischen dem ‹realen› Leben und dem Recht». Wenn Ehen geschieden werden, wird am Gericht in Pfäffikon fast ausschliesslich von Laien Recht gesprochen. Bei vielen Scheidungen seien sich die Parteien einig. Da geht es dann oft nur noch um Formales. Allerdings komme es schon auch vor, dass sich die Leute «in emotionalen Ausnahmesi­tua­tio­nen befinden». Da geht es dann darum, die Ruhe zu bewahren und auch manchmal klare Worte zu sprechen. Aber als Stadträtin sei sie sich diesbezüglich ja auch einiges gewohnt, sagt Wyss lachend. Ursula SchöniLesen Sie hier das Interview mit der Kantonsrätin Céline Widmer (SP), die für die Abschaffung des Laienrichtertums plädiert.

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