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Rock, wie er leibt und lebt

zürich. Bruce Springsteen und seine E-Street-Big-Band unterhielten das Letzigrund knapp dreieinhalb Stunden lang mit einem Mix aus Gospel und rockigen Stadionhymnen im ausverkauften Letzigrund.

Der Wettergott muss ein Bruce-Springsteen-Fan sein, jedenfalls in Zürich. Kaum waren die letzten Akkorde der finalen Zugabe «Twist & Shout» gespielt, liess Petrus die Schleusen öffnen. Die Abkühlung war willkommen und nötig, denn vorher hatte der Rockschwerarbeiter knapp dreieinhalb Stunden lang beste Stadionkost geboten, welche die ganze emotionale Bandbreite seines langen Schaffens beinhaltete. Die Mitgröler wurden mit «Born in the USA» bedient, für die Gospelgemeinde servierte die nunmehr 17-köpfige E-Street-Band das rührende «My City of Ruins», die Oldiefraktion konnte sich an der Oldietrouvaille «Seven Nights to Rock» erfreuen, den Nostalgikern wurden «Spirit in the Night» und «Growin’ up» vom allerersten Album aufgetischt, die Anhänger der Klassiker sangen begeistert «Born to run» und «Badlands» mit, während sich die Diehardfans über die selten bis noch gar nie auf dieser Tournee gespielten «Don’t Look back» und «Working on a Dream» wunderten. «Save my Love» von der erweiterten Raritätensammlung zum «Dark- ness on the Edge of Town»-Album gehörten ebenso zu den Zürcher Highlights wie die berührende Ballade «If I should Fall behind», die Bruce Springsteen alleine am Piano vortrug. Dazu gesellten sich ein halbes Dutzend Kostproben der aktuellen CD «Wrecking Ball».

Rechts, links oder einfach gut

Die Klischees bleiben an Bruce Springsteen haften, seit er Mitte der 70er-Jahre seine ersten grossen Erfolge feiern konnte. Das Image steht: Der Arbeitersohn aus dem amerikanischen Ostküstenstaat ist der hart arbeitende «Boss». Die Amerika-Flagge auf der Plattenhülle und der hymnische Fussballrefrain seines grandios missverstandenen Durchbruchhits «Born in the USA» haben Springsteen ins rechtskonservative Lager abdriften lassen, obwohl sich der Künstler selber eher als kritischer, linksliberal angehauchter Bürger sieht. Einhellig ist die Meinung über den bald 63-Jährigen, wenn es um seine Qualitäten als Entertainer geht.Bruce Springsteens bisherige sieben Konzerte in der Schweiz wurden meist euphorisch kommentiert, sieht man einmal von der ziemlich lauwarm rezipierten Konzertreise im Schlepptau der beiden Alben «Human Touch» und «Lucky Town» ab.

Der Auftritt am Montagabend wusste zu überzeugen, was vor allem an der Songauswahl und der enormen Spielfreude des Sängers und Gitarristen lag. Springsteen bezieht den Hauptharst seines aktuellen Bühnenmaterials aus den Jahren 1973 bis 1984 sowie von 2002 bis zum aktuellen Œuvre «Wrecking Ball». Im Zen­trum standen beim ersten Zürcher Konzert seit 1999 Songs, die mit der E-Street-Band aufgenommen wurden.

Tanzen, prusten, schnäuzen

Umrahmt von der solid rockenden Stammtruppe, einem schwarzen Gesangsquartett und einer vierköpfigen Bläsersektion, welche es tatsächlich schaffte, die letztes Jahr verstorbene Galionsfigur Clarence Clemons einigermassen vergessen zu machen, konnte sich Bruce Springsteen auf seinen Job als Rocktätschmeister, Soulhohepriester, Rock’-n’-Roll-Rampensau und politischer Beobachter konzentrieren. Bald wurde klar: Der fast 63-Jährige hat die Bühne längst zu seiner Wohnstube und Trainingshalle gemacht.

Nach einem halben Dutzend Songs war Springsteens in Schwarz gehaltenes Outfit schweissdurchtränkt. Immer wieder stapfte er sein Revier ab, schüttelte Hände, spornte auf dem Laufsteg die Fans an, liess Kinder mitsingen, tanzte mit einer jungen Dame, schnäuzte sich in bester Büezermanier den Rotz aus der Nase, prustete wie ein Wal Wasser in die Luft. Wenns sein musste, gab er den feierlichen Gospelprediger und fragte sein Publikum rhetorisch: «Can you feel the spirit?» Mit anderen Worten: Bruce Springsteen genoss seinen einzigen Schweizer Auftritt. Der Mann ist Rock und verkörpert Rock wie kaum ein anderer seiner Branche.

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