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Rückenwind für Tsipras

Mehr als 60 Prozent der Griechen sind mit der gewählten Regierung um Premierminister Alexis Tsipras zufrieden. Das sind deutlich mehr, als die neue Regierungskoalition an Stimmen erhalten hat. Sorgen macht man sich in Griechenland trotzdem – und beobachtet jede Reaktion der europäischen Partner.

Es ist derzeit gar nicht so einfach, zu erfahren, was die Griechen von ihrer neu gewählten Regierung halten. «Was sagt man draussen?», ist die sofort und besorgt gestellte Gegenfrage der meisten. Jede Verlautbarung insbesondere der als Führungsmacht der EU wahrgenommenen deutschen Politik wird in Griechenland höchst aufmerksam verfolgt. Jeder Hinweis darauf, man werde gemeinsam mit den Griechen nach einer Lösung suchen, wird mit Erleichterung aufgenommen. Offensichtliche Zerwürfnisse, wie der kalte Abgang des Eurogruppenchefs Jeroen Dijsselbloem nach dem Gespräch mit Finanzminister Giannis Varoufakis in Athen letzte Woche, bringen dagegen so manchen dazu, für alle Fälle schnell ein paar Euros am Bankautomaten abzuheben.

70 Prozent wollen den Euro

Der Euro ist den Griechen wichtig, etwa 70 Prozent sprechen sich in Umfragen für den Verbleib in der Währungsunion aus. Zum Wahlsieg von Syriza hat auch beigetragen, dass die Partei sich auf eine Zugehörigkeit Griechenlands zur EU festgelegt hatte. Entscheidend aber war das Versprechen, mit einer Syriza-Regierung werde sich die eigene Lebenssituation nach fünf Jahren heftiger Einbussen endlich wieder zum Besseren wenden. Allein die ungewohnte Erfahrung, dass eine neu gewählte Regierung nicht alle Wahlkampfversprechen umgehend vergisst, hat für verhaltene Euphorie in Griechenland geführt. Neben dem Privatisierungsstopp und der Aufnahme von Verhandlungen über die Schuldenfrage spielen dabei vor allem eher symbolische Gesten eine Rolle. Aufmerksam wird registriert, dass die neue Regierung und ihre Parlamentarier immer noch die zugänglichen einfachen Leute von nebenan sind, wie vor den Wahlen. Der Verzicht auf Attribute der Macht wie den protzigen, gepanzerten Dienstwagen fällt ebenso wohltuend auf wie der saloppe Kleidungsstil der meisten Regierungsmitglieder. Alles zusammen hat der Regierung eine Zustimmung beschert, die weit über die eigene Wählerschaft hinaus reicht. In ersten Umfragen erklären 60 Prozent der Befragten ihre Zufriedenheit mit dem Wahlergebnis.

Die Rechte als Absicherung

Einen entscheidenden Beitrag zu diesem hohen Ergebnis leistet ausgerechnet die Koalition von Syriza mit der rechtspopulistischen Partei der Unabhängigen Griechen, Anel. Der bullige Parteivorsitzende Panos Kammenos wird als Garant dafür gesehen, dass sich Befürchtungen von einem radikalen Umbau aller gesellschaftlichen Gepflogenheiten nicht erfüllen werden. Mit Anel ist man sicher, dass weder die Ikonen aus den Klassenzimmern noch die Nationalfahnen von den öffentlichen Gebäuden entfernt werden. Derartige Ängste vor dem Verlust der nationalen und religiösen Identität des eigenen Staatsgebildes haben auch Wähler der griechischen Linkspartei. Viele, die am 25.Januar der von Syriza versprochenen Hoffnung folgten, haben zum ersten Mal links gewählt, mit Bauchschmerzen und nach langen und quälenden Überlegungen.

Hoffnung und Skepsis

Im ganzen Land ist die Spannung zu spüren, mit der die Ereignisse in diesen kritischen ersten Wochen nach der Wahl verfolgt werden. Endlich sei es wieder interessant, Nachrichten zu sehen, ist allerorts zu hören. Bei den erwarteten Verbesserungen halten sich Hoffnung und Skepsis die Waage. «Wir werden sehen», lautet die meistgehörte Antwort. Man hält, wie man im Griechischen sagt, «nur einen kleinen Korb bereit». Und freut sich gleichzeitig über jeden Schritt in die richtige Richtung.

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