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Schauplätze der Drogenszene

Seit 25 Jahren kümmern sich die Sozialwerke Pfarrer Sieber in Zürich um Menschen in Not. Zur Feier des Jubiläums haben sie eine Stadtrundfahrt der etwas anderen Art organisiert.

Vor 25 Jahren war die Drogenszene fester Bestandteil der Kulisse. Davon sind heute in Zürich kaum mehr Spuren übrig geblieben. Viele Zürcher würden die Geschichten nicht mehr kennen, die sich damals abgespielt haben, sagt Christoph Zingg, Gesamtleiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS). Zur Überbrückung des Generationenwechsels hat er deshalb am Samstag eine spezielle Tramrundfahrt organisiert.

Zu jeder vollen Stunde zwischen 13 und 18 Uhr nahm ein Tramwagen der VBZ Interessierte an die Schauplätze von damals mit. Das Zürich der Gegenwart wurde dabei aus Tramlautsprechern mit Geschichten aus dem Zürich der Vergangenheit untermalt: Drei ehemalige Drogensüchtige erzählten an­onym von ihren Erlebnissen. Erste ­Station und Ausgangspunkt der Rundfahrt war der Globus.

Eine andere Art von Klientel

Eine Frau erzählt, wie sie im Winter einmal Wärme suchend das Kaufhaus betrat. Sie habe nicht lange bleiben können, man beschuldigte sie, etwas gestohlen zu haben, und verhängte ein Hausverbot. «Ich habe wohl nicht zu dieser Art von Klientel gepasst», sagt sie. Die Erzählungen wechseln sich ab mit Informationen zur Drogenszene und zur Entstehung der verschiedenen Einrichtungen der Sieber-Werke.

Weiter hinten beim Helvetiaplatz habe Pfarrer Ernst Sieber bereits im Winter 1963 einen Obdachlosenbunker mit 80 Schlafplätzen eingerichtet, verkündet die Stimme von Etienne Conod aus dem Lautsprecher, als das Tram am Paradeplatz vorbeifährt. Leider führe die Gleisroute nicht überall direkt an den Schauplätzen vorbei. Der ehemalige Radiojournalist Conod arbeitet seit 16 Jahren für die SWS und hat sich um die Tonbandaufnahmen gekümmert. Aus dem Bunker sei später die Wohn- und Arbeitsgemeinschaft «Suneboge» in Selnau entstanden, die Betten und geschützte Arbeitsplätze biete. Auf Schweizerdeutsch stellt Conod den drei Erzählenden Fragen zu den Plätzen von früher. Etwa zu den Treppen am Limmatquai, dem einzigen Ort, an dem in Zürich Haschisch angeboten wurde. «Wenn es Stoff gab, warteten jeweils 300 bis 400 Leute da. Ich hatte Angst, erdrückt zu werden», berichtet einer der beiden erzählenden Männer.

Als sich die Razzien der Polizei häuften, verzog sich die Drogenszene von der Riviera ins Niederdorf. Die Zürcher seien erfreut gewesen, wegen der vielen Touristen am See, fügt der Erzähler an.

500 Franken für Heroin

Vom Niederdorf verschob sich der Drogenumschlagplatz dann an den berühmt-berüchtigten Platzspitz hinter dem Landesmuseum. Da sei es anfänglich sogar recht friedlich gewesen, die Schweizer hätten sich in Ruhe gelassen, sagt eine der Männerstimmen. Später seien jedoch die Südländer dazugekommen und hätten den Platz an sich gerissen. Conod fragt, was es heisse, ein Piece «usezlah». Der Mann erklärt, es bedeute einfach, sich ein Stück Stoff zu besorgen. Früher habe er teilweise 500 Franken für ein Gramm Heroin bezahlt. Woher das Geld kam, schildert die Frauenstimme: «Dealen, klauen, auf den Strich gehen: Das waren die Hauptbeschäftigungen neben dem Drogenkonsum.»

Das habe sich auch nicht gross geändert, sagt Christoph Zingg, die Szene sei heute nur weniger sichtbar. Als das Tram beim Museum für Gestaltung durchfährt, stellt Conod den «Sune- Egge» vor, die 1989 gegründete sozialmedizinische Krankenstation. Die Patienten seien teilweise extrem jung gewesen. Das bestätigt die Frau: «Gekifft habe ich mit elf. Dann kamen Ecstasy, Kokain und Heroin.» Ob die Lehrer nichts gesagt hätten? Doch, antwortet sie, bemerkt worden sei es schon, aber sie habe sich irgendwie durchschlängeln können. Auch den Eltern habe sie lange etwas vorgemacht.

Von der Polizei gehetzt, fand sich die Drogenszene zuletzt auf den stillgelegten Gleisen des Bahnhofs Letten wieder. Sie gehörte zum Alltag von Zürich und verkam bald zu einer perversen Attraktion. «Wir wurden zum Sightseeing gebraucht. Jeden Tag fuhren Cars vorbei, um das Elend vorzuführen», sagt ein Erzähler. Pfarrer Sieber habe viel zur Verbesserung beigetragen: «Er hat uns in den warmen Keller geholt.» 1988 schlug die Geburtsstunde der SieberWerke, an die nun mit dieser eindrücklichen Stadtrundfahrt erinnert wurde.

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