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Schock, Trauer, Ratlosigkeit

Newtown. Langsam fügen sich die Ereignisse nach dem Massaker an der Grundschule Sandy Hook zu einem klareren Bild. Verstehen können die Bewohner von Newtown die Tragödie dennoch nicht.

Wie soll man das verstehen? Jaden, Kate und Claire reden und reden, aber sie verstehen es nicht, es hat keinen Zweck. Dass ein Junge aus ihrer Mitte zwanzig Erstklässler tötet, ausgerechnet hier, in Newtown, wo sie weder ihre Haustüren abschliessen noch ihre Autos verriegeln, weil es sich in Newtown so sicher lebt wie in Abrahams Schoss. «So surreal», sagt Jaden Albrecht, eine Dreizehnjährige mit Zahnspange, die sich seit Freitag die Augen rot geweint hat. «Als würde ein Horrorfilm auf einmal Wirklichkeit.» Schock ist ein zu mildes Wort, um zu beschreiben, wie Newtown sich fühlt, eine Kleinstadt mit 27 000 Einwohnern, malerisch zwischen bewaldeten Hügeln gelegen. Eigentlich keine Stadt, sondern eine Ansammlung stiller Dörfer und schmucker Eigenheimsiedlungen. Sandy Hook ist so ein Dorf, vielleicht das schönste in Newtown, so pittoresk, als sei es einem Gemälde von Norman Rockwell entsprungen. Nun aber steht Wolf Blitzer von CNN in grellem Scheinwerferlicht vor dem Diner, nun parken die Übertragungswagen mit ihren Riesenschüsseln die Hauptstrasse zu. Den Ort des Grauens, den Flachbau der Sandy Hook Elementary School, hat die Polizei weiträumig abgesperrt. Auf einem Sportplatz tritt ein beleibter State Trooper mit breitkrempigem Hut alle zwei, drei Stunden hinter einen Wald aus Mikrofonen, um die neuesten Ermittlungsergebnisse zu verkünden. Paul Vance setzt Puzzlestücke zusammen, manchmal auch korrigierend, was zu früh und falsch oder halbwahr vermeldet wurde. Langsam ergibt sich ein genaueres Bild. Sicherheitsschleuse umgangen Demnach fuhr Adam Lanza, der 20-jährige Amokschütze, am Freitag noch verwechselt mit seinem Buchhalter-Bruder Ryan, mit vier Waffen – zwei Pistolen und zwei halbautomatischen Gewehren, von denen er eines im Kofferraum liess – zur Sandy Hook School. Den Weg in die Schule hat er sich gewaltsam gebahnt, indem er eine Scheibe zerschoss, niemand liess ihn freiwillig durch die Sicherheitsschleuse. Die allermeisten Schüsse fielen in nur drei Minuten, zwischen 9.36 und 9.38 Uhr, in zwei Klassenzimmern. Alle getöteten Kinder waren Erstklässler, alle wurden sie mehrfach von Kugeln getroffen, ein kleiner Körper allein elfmal. Was sich im Klassenzimmer von Victoria Soto abspielte, weiss man bisher nur bruchstückartig, zumal zwei Versionen kursieren. Nach der einen soll Victoria Soto ihre Schutzbefohlenen in einem Nebenraum versteckt und Lanza zugerufen haben, sie seien alle in der Turnhalle. Nach der zweiten soll den Kindern die Flucht gelungen sein, nachdem ihre Lehrerin den Schützen abgelenkt hatte – noch weiss es niemand genau. Victoria Soto, 27, ist tot. Robbie Parker hat Emilie verloren, die älteste seiner drei Töchter. Mit Tränen im Gesicht tritt er vor die Reporter und erzählt, was für ein grossartiges Mädchen seine Emilie war. Wer traurig wirkte, dem schob sie lustige, aufmunternde Zeichnungen zu. Häufig hatte die Sechsjährige einen Satz bunter Stifte dabei, damit sie schnell zu Papier bringen konnte, was ihr durch den Kopf ging. «Ich habe solches Glück, dass ich ihr Vater sein darf», sagt Parker, er spricht in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit. Was Vances detektivisches Puzzle noch immer nicht beantwortet, ist die Frage nach dem Warum. Wieso hat Adam Lanza getan, was er tat? Einstige Klassenkameraden beschreiben ihn als hochintelligenten, schüchternen, manchmal jäh aufbrausenden Jungen, der anderen nicht lange in die Augen sehen konnte und sich lieber über seinen Laptop beugte. Mutters Waffensammlung Adams Mutter Nancy, sein erstes Opfer, war seit vier Jahren von Peter Lanza geschieden, einem Geschäftsmann des Konzerns General Electric. Offenbar lebte sie zuletzt von dem Geld, das sie nach dem Urteil eines Scheidungsrichters von ihrem Ex-Gatten erhielt. Nancys Hobbys waren ihr Garten – und eine teure Waffensammlung. Ihre Söhne Adam und Ryan soll sie oft mitgenommen haben zum Üben auf einem Schiessplatz. Was keiner in Newtown begreift: Wie konnte die Frau, die um die mentalen Probleme ihres Zweitältesten gewusst haben muss, ihre Flinten daheim aufbewahren, in Reichweite des Sohnes? «Da komme ich nicht mehr mit», sagt Bocenna Stein, eine gebürtige Polin. «Das ist doch ein Spiel mit dem Feuer.»

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