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Schuldbewusstes Sündigen

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Ein italienischer Gourmet-Koch aus unserer Nachbarschaft bekam kurz vor Ostern von einem seiner Lieferanten eines jener Werbegeschenke überreicht, von denen man nur überfordert sein kann: Es handelte sich um ein riesiges, hoch aufragendes und bunt verpacktes Monster-Osterei, hergestellt aus zehn Kilogramm feinster dunkler italienischer Schokolade.

Was macht man mit einer solchen Zuckerbombe kurz vor Ostern? Ins Restaurant stellen: Das wäre langweilig. Öffnen und jeder klopft sich ein Stück heraus: geschäftsschädigend, dann bestellen die Leute kein Tiramisù mehr zum Dessert. Wir sprachen darüber und kamen überein, diesen zum Schokoladenberg geronnenen Gruss aus dem Schlaraffenland gegen Spenden bruchstückweise öffentlich abzugeben und den Erlös einer Tafel-Initiative zu geben, die für Bedürftige kocht.

«Also doch, es tut mir gut und ist gesund!»

So ist das mit dem Genuss, oft schwingt das schlechte Gewissen mit: Während wir im Überfluss leben, haben andere zu wenig zum Essen. Viele Menschen haben in den vergangenen Wochen deshalb eine Fastenzeit eingelegt: Wir unterbrechen eine Gewohnheit, prüfen generell unseren Konsum und beschliessen, ein bewussteres Leben zu führen. Mein Beitrag dazu war bescheiden: Ich habe kaum Schoggi gegessen und kaum Alkohol getrunken.

Wir Mitteleuropäer essen ohnehin zu viel Zucker und trinken zu viel Alkohol. Pünktlich zum Ende der Fastenzeit kursierten denn auch in den Medien wieder Berichte über Studien, die von der medizinischen Zuträglichkeit einer täglichen kleinen Menge Rotweins künden. Erleichtert greift der Geniesser wieder zum Glase und sagt sich: «Also doch, es tut mir gut und ist gesund!» Doch leider kommt eine andere Studie zum wissenschaftlich fundierten Schluss, der regelmässige Genuss auch geringer Mengen Alkohols sei generell schädlich.

Weil die Studie, die zum dauernden Alkohol-Fasten auch nach Ostern aufruft, so seriös und angsteinflössend klingt, habe ich beschlossen, eine alterprobte familiäre Lebensweisheit als salomonisches Urteil bindend anzuerkennen: Feiern und Geniessen gehören ebenso zum gelingenden Leben wie Zeiten konzentrierter Arbeit, wie Abschiede und Trennungen und wie das Masshalten als Gegengewicht zu Tagen, an denen man es krachen lässt, zu viel trinkt oder zu viel Schoggi schleckt. Oder mit der grossen italienischen Schauspielerin Anna Magnani gesprochen: «Wer fromm handelt, ist nur zu schwach zum Sündigen.»

Erstellt: 22.04.2019, 12:00 Uhr

Tobias Engelsing ist Leiter der städtischen Museen Konstanz und Landbote-Kolumnist.

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