Zum Hauptinhalt springen

Schweizer Fahrenden stinkt es am Rietberg

Ein Jahr nach der Einweihung fällt die Bilanz des Durchgangsplatzes ernüchternd aus. «Schweizer Fahrende meiden den Platz», sagt die grösste jenische Organisation. Derweil ärgern sich Anwohner über Unsitten ausländischer Roma.

In der Juli-Ausgabe der «Oberi Zytig» ist die Welt noch in Ordnung. Zu Besuch bei den «Nachbarn vom Rietberg» trifft der Redaktor auf freundliche Schweizer Fahrende, die vor ihren Wohnwagen scherzen und Scheren schleifen. Auf dem Durchgangsplatz herrscht eine Campingidylle. «Die Ordnung auf dem Platz ist vorbildlich», stellt der Berichterstatter fest. «Alles ist sauber und aufgeräumt.»

Ein Augenschein am Mittwoch zeigt ein etwas anderes Bild. Alle Standplätze sind mit Wohnwagen belegt. Sie tragen Nummernschilder aus Frankreich, Deutschland, Schweden, Rumänien. Ein Berner Schild erweist sich bei genauerem Hinsehen als Exportnummer. Schweizer Fahrende gibt es hier keine. Die Roma-Kinder, die jeden Besucher sofort umringen, sind zufrieden mit dem Platz. «Es gibt Wasser und Strom, alles prima», sagt ein Knabe auf Französisch. Aus seinem Familienwohnwagen winkt seine Grossmutter. «Zigaretten?», fragt sie. Und nach dem Nein: «Geld?»

Kot auf dem Jubiläumsweg

Als der Platz im Frühling letzten Jahres eingeweiht wurde, hiess es, er sei «vornehmlich für Schweizer Fahrende» konzipiert. Rund 500 000 Franken hat die Stadt in den Durchgangsplatz investiert, der von April bis Oktober geöffnet ist. An einem Münzautomaten zahlen die Besucher 15 Franken pro Nacht und Gespann. Dafür können sie Strom und Wasser beziehen, Abfall entsorgen und die WC-Kabinen benutzen.

Das tun aber längst nicht alle. Der Feldweg rund ums eingezäunte Areal ist gesäumt mit Fetzen von WC-Papier. Menschliche Exkremente liegen nicht nur am Waldrand, sondern mitten auf dem Spazierweg, welcher seit diesem Sommer Teil des 750-Jahr-Rundwegs ist. Das stinkt Spaziergängern. «Jeder Hundehalter muss den Kot aufnehmen», ärgert sich ein Leserbriefschreiber.

Auch die Mitarbeiter des einzigen direkten Nachbarn, der Firma Cridec, sind entnervt. «Es läuft nach dem Prinzip: Rock hoch und hingekauert», sagt Firmenchef Markus Müller. «Teilweise direkt vor unserem Tor.» Dabei sind seine Mitarbeiter einiges gewöhnt: Sie hantieren täglich mit Sonderabfällen und Tierkadavern.

Müller ist ein ruhiger Mann, der seine Worte vorsichtig wählt. «Bis etwa im Mai oder Juni ging es auf dem Platz sehr ruhig und gesittet zu. Mit den Schweizer Jenischen hatten wir eine richtig gute Nachbarschaft.» Die Wende kam, als nach dem Brand in der Kehrichtverbrennungsanlage Kehricht auf dem Rietberg zwischengelagert wurde. Seither liegt eine faulige Fahne über dem Gelände. Die Schweizer Fahrenden verliessen den Platz und wurden abgelöst von ausländischen Roma.

Seitdem seien die Zustände unhaltbar, sagt Müller. «Abfall wird über den Zaun auf unser Areal geworfen. Ein Wäscheständer aus Metall verfehlte mich nur um wenige Meter.» Mitarbeiter werden angeschnorrt, Einfahrten zugeparkt, Kinder laufen entgegen den Verboten durchs Tor aufs Firmengelände. Einmal wurde sogar ein Loch unter dem Zaun gegraben.

Und die Zustände auf dem Jubiläumsweg, für den auch seine Firma Tafeln gesponsert hat, spotteten jeder Beschreibung. «Ich bin kein Rassist», sagt Müller, «aber Menschen, die unsere Einrichtungen benutzen, sollten sich an unsere Regeln halten. Wenn ihre Kultur es nicht zulässt, dass sie ein WC benutzen, sind sie einfach am falschen Ort.»

Laut Claude Gerzner, Sprecher der Bewegung der Schweizer Reisenden, ist der Winterthurer Durchgangsplatz aktuell für Jenische nicht benutzbar. «Die Roma sind gut vernetzt. Fährt ein Wohnwagen weg, steht der nächste schon da.» Zustände wie aktuell in Winterthur seien auch für die Jenischen, die sich Schweizer Hygiene gewöhnt sind, sehr störend. «Das schadet auch unserem Ruf, denn wir werden in den gleichen Topf geworfen.»

«Der schlimmste Platz»

Allerdings habe der Winterthurer Platz unter den Jenischen ohnehin einen schlechten Ruf: «Schweizer meiden den Platz», sagt Gerzner. «Viele halten ihn für den schlimmsten Platz der Schweiz.» Das liege vor allem am Teerbelag. Er heizt sich im Sommer stark auf. Duschwasser versickert nicht, sondern läuft quer über den Platz, auf dem die Kinder spielen. Ein Spielplatz fehlt ebenso wie jegliches Grün. Zudem sei das Areal durch Sonderabfälle belastet. Gerzner behauptet: «Ich weiss von einem Mädchen, das hier innerhalb von Stunden starke allergische Ausschläge bekommen hat.»

In einigen Kritikpunkten ist die Stadt den Fahrenden bereits entgegengekommen. So wurde die Überwachungskamera abgehängt und seit dieser Saison dürfen Wohnwagen von Kindern gegen eine Jahresgebühr mit auf die elterliche Parzelle gestellt werden.

Ein Streit mit der Polizei um diese Frage hatte letzten Sommer dazu geführt, dass Claude Gerzner einen Platzverweis kassierte. Sein Fall löste unter Schweizer Fahrenden Empörung aus und war die Geburtsstunde der «Bewegung der Schweizer Reisenden». Sie zählt, laut Gerzner, bereits 5000 Mitglieder und hat die in die Kritik geratene Radgenossenschaft überflügelt. Das «Mouvement» sei ein streitbarer, aber wertvoller Ansprechpartner geworden, heisst es bei der Stadtpolizei. Michael Graf

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch