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Seit dem Kick ist die Unterlippe taub

Im Sommer 2013 treffen sich in Flaach zufällig zwei Männer, die einst Freunde waren. Sie geraten in Streit, raufen – und dann tritt einer dem anderen gegen den Kopf.

Die beiden Männer standen sich einmal sehr nahe. Sie seien wie Brüder gewesen, sagen sie. Doch vor dem Andelfinger Bezirksgericht standen sie sich am Dienstag gegenüber. Denn der jüngere hatte dem älteren mit einem Fusskick den Kiefer gebrochen. Es war der endgültige Bruch zwischen den Männern, die heute 31- und 28-jährig sind. Begonnen hatte die Freundschaft rund zehn Jahre zuvor, und die Rollen waren klar verteilt. Der ältere X., der Wurzeln in Mazedonien hat, war der grosse Bruder und wollte auf den jüngeren Y., dessen Eltern aus Serbien stammten, aufpassen. Er borgte ihm Geld, nahm ihn mit in die Ferien und weinte mit ihm, als dessen Mutter starb, erzählte er vor Bezirksgericht. Auch liess er ihn bei sich im Zürcher Unterland übernachten. «Obwohl meine Familie schon damals sagte, das sei ein verlogener Hund.» Er hielt zu ihm, auch wenn es Probleme mit der Polizei gab. Doch ab 2011 kühlte sich das Verhältnis ab. Y. habe ihn bei der Polizei als falsches Alibi benutzt, sagte der sportlich wirkende X., der verheiratet ist und einen kleinen Sohn hat. Da habe er nichts mehr von ihm wissen wollen. Sein Anwalt, der Opfervertreter, erklärte die Veränderung damit, dass Y. seinen «grossen Bruder» je länger, je mehr als bevormundend und gönnerhaft empfand. Auf jeden Fall ging man sich aus dem Weg. Verschiedene Versionen Bis zu diesem fatalen Juliabend 2013, als sie sich zufällig am Rhein in Flaach in der Nähe der Thurmündung begegneten. Beide waren da mit anderen Kollegen, und beide sind sich einig, dass es Streit gab, als ein etwa 15-jähriges Mädchen auftauchte. Allerdings gibt es verschiedene Versionen von den Ereignissen, die ab dem Moment zum – unbestrittenen – Fusstritt führten. Täter Y. sagte vor Gericht, der Kollege seines «grossen Bruders» habe der jungen Frau anzügliche Dinge gesagt und Bier angeboten. Als er, Y., das Mädchen wegschicken wollte, habe sich sein ehemaliger Freund eingemischt. «Ich habe ihn gefragt: Warum sprichst du so mit mir? Wenn du Respekt willst, dann zeige Respekt», berichtete Y., der etwa einen halben Kopf kleiner ist als sein Opfer. Nach einem Wortwechsel habe ihn X. mit dem Ellbogen geschlagen. Da will er zurückgeschlagen haben, sodass X. umfiel. Erst als der wieder aufstand, trat Y. in seiner Version zu. «Denn er war sofort in Kampfposition gegangen und wollte auf mich los. Ich wollte ihn nur kampfunfähig machen, nicht verletzen.» Auch behauptete der Täter, er habe nicht mit voller Wucht getreten. Allerdings gab es mehrere Augenzeugen, die das Gegenteil beobachteten, wie sich im Lauf der Verhandlung zeigte. Sie sprachen von «massiver Gewalt», und jemand sagte in der Untersuchung gar, Y. habe gekickt «wie ein Fussballspieler» . Ein dumpfes Gefühl An den Moment des Kicks kann sich X., ein grosser, blonder Mann, gar nicht erinnern. Da sei er auf dem Bauch am Boden gelegen. Gespürt habe er bloss «ein dumpfes Gefühl», sagt er. Was kurz zuvor passiert war, weiss er allerdings noch ganz genau. Gemäss dieser Variante, die der Anklage zugrunde liegt, hatte Y. das Mädchen gepackt und angeschnauzt. Als X. ihn zurechtwies, wurde Y. schlagartig aggressiv. «Das war er mir gegenüber früher nie», sagte das Opfer am Prozess. «Aber ich wusste, wie schnell er austicken kann.» Die Situation steuerte auf eine Eskalation zu. Y. schrie Dinge wie «Ich bringe dich um». Es kam zu einer Rauferei, X. fiel zu Boden – auch wegen eines geschwächten Fusses, den er sich auf einer Baustelle verletzt hatte. Dann, als er bäuchlings im Kies lag, ereilte ihn der wuchtige Tritt. Der Vorfall verfolgt X. bis heute. Er hat mehrere Operationen hinter sich, Kebab und Äpfel kann er am besten nur noch püriert essen, wie er vor Gericht sagte. Bei starken Gefühlsregungen hat er schnell Kopfweh, seine Unterlippe ist taub. Seine Frau kann er seither nicht mehr richtig küssen. Gefährliches Amalgam Der Beschuldigte soll seine Tat mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von 40 Monaten büssen. Für die Staatsanwältin ist klar, dass Y. sich der schweren Körperverletzung, mehrfacher Drohung und Tätlichkeiten schuldig gemacht hat. Er habe sich Respekt verschaffen wollen, sagte sie. Der Opferanwalt, der 12 000 Franken Genugtuung und Schadenersatz forderte, nannte als Motiv «Neid und Eifersucht, die ein unheilvolles Amalgam bildeten». Der Verteidiger wollte den Tritt gegen den Kopf zwar nicht schönreden. Er sprach aber von einem «Notwehrexzess» seines Mandanten. Daher forderte er nur eine Geldstrafe von 60 Tagen à 30 Franken (1800 Franken) wegen einfacher Körperverletzung. Vom Vorwurf der Drohungen und Tätlichkeiten, die sein Klient hartnäckig bestreitet, solle er freigesprochen werden. Das Gericht wird das Urteil heute eröffnen. Es wählte dazu einen Termin, der auch dem Opfer passt. Denn X. äusserte den Wunsch, selber zu hören, «wie das hier ausgeht». Er tönte, als führte er einen Bruderkrieg. Reto Flury

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