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Sempers Gesamtkunstwerk

Der literarische Abend in der ­Coalmine stand am Montag ganz im Zeichen des Winterthurer Stadthauses und seines Architekten Gottfried Semper.

In fünf Monaten ziehen die Stadtverwaltung und der Stadtpräsident aus Sempers symbolträchtigem Stadthaus in einen anonymen Verwaltungsbau, den Superblock auf dem Sulzer-Areal. Dieser Auszug wird im «Tempel der Demokratie» nicht nur ein räumliches Vakuum hinterlassen. Die funktionale Leere degradiert das einstige Ehrenhaus der Bürger zur Kulisse. Vor diesem Hintergrund machte der von Barbara Tribelhorn geleitete Abend, den die Literarische Vereinigung am Montag zusammen mit dem Förderverein Semper Stadthaus durchführte, den Architekten Gottfried Semper und seine Beziehung zu Winterthur zum Thema. Die Bedeutung des baldigen Auszugs führten die Historikerin Ute Kröger und der Architekt Johann Frei mit ihren erhellenden Ausführungen deutlich genug vor Augen, selbst ohne explizite Thematisierung des künftigen Schicksals des Semper-Baus. Wer im Publikum in der voll besetzten Coalmine-Bar vielleicht dessen architektonische Qualitäten vorgängig nicht zu schätzen wusste, wird das Stadthaus nun als ein Gesamtkunstwerk höchsten Ranges würdigen, das zur Feier der demokratisch organisierten Gemeinde als säkularer Tempel zwischen 1867 und 1869 errichtet wurde – als kon­zen­trier­ter Ort der Gemeindeversammlung, Stadtregierung und Verwaltung. Das personelle und politische Panorama des Aufbruchs in Winterthur und Zürich um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwarf Ute Kröger, deren biografisches Buch zu Gottfried Sempers turbulenten Zürcher Jahren (1855–1871) im Mai erscheinen wird. Was sie aus bisher unbekannten Quellen in ihrem Vortrag darlegte, verheisst eine spannende Lektüre, nicht zuletzt in Bezug auf das persönliche Verhältnis zwischen dem Winterthurer Stadtpräsidenten Johann Jakob Sulzer und Semper, die sich in Zürich kennen lernten. Semper und Sulzer – zwei Seelenverwandte Sempers Berufung als Professor an das aufstrebende Polytechnikum erfolgte 1855 gerade zum richtigen Zeitpunkt. Denn seine Karriere im Londoner Exil stagnierte. Dorthin war er aus Dresden geflohen, wo er die Grundlage für seine Reputation als Architekt mit dem Bau der Oper gelegt hatte. Doch das Elb-Florenz war auch sein Verhängnis, weil er sich im Mai 1849 den Aufständischen angeschlossen hatte und zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Nun musste er sich im republikanischen Zürich zurechtfinden, wo ihm der Bau des Polytechnikums übertragen wurde. Die Limmatstadt war das ideale Parkett für den willensstarken und ehrgeizigen, aber auch überaus empfindlichen Netzwerker Semper. So lamentierte er über die Gesellschaft mit ihren Intriganten und kleinlichen Geldfuchsern. Als er den Auftrag für das Polytechnikum erhielt – ein prächtiger Kuppelbau, der als das «geistige Bundeshaus» angedacht war und heute noch die Stadtsilhouette am Zürichberg dominiert –, litt er in der Folge «wie ein Hund» unter den Auflagen, dem Genehmigungsprozedere und dem Hickhack um die Kosten. Das Hofieren des seelenverwandten Winterthurer Stadtpräsidenten Johann Jakob Sulzer, der für die aufstrebende Industriestadt Grosses vorhatte, war Balsam für Sempers wundes Ego. Sulzer verkörperte idealtypisch den gründerzeitlichen Macher und kühnen Visionär. Als Gegenspieler zu Alfred Escher, dem Zürcher Eisenbahnkönig, wollte er seiner Heimatstadt im Wettbewerb mit Zürich zu neuer politischer Bedeutung verhelfen. Semper war der richtige Partner dafür. Auf ideale Weise verband Semper in seinem an einer Gemeindeversammlung genehmigten Stadthausentwurf Funktionalität, Repräsentation und Symbolik: In der Mitte, auf einem Sockel thronend, der Tempel der Demokratie, flankiert von zwei niedrigeren Annexbauten für Regierung und Verwaltung. Bis ins Detail zielte alles auf den Ausdruck von Würde. Als nach der Bauabrechnung ein Fehlbetrag resultierte, standen die Bürger zusammen und deckten das Defizit aus dem privaten Sack. Adrian Mebold

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