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Sie ist für Patientinnen mit Brustkrebs da

Die Brust ist ein Symbol für die Weiblichkeit – ein anfälliges. Denn Brustkrebs ist die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen. Im Kantonsspital Winterthur gibt es eine Pflegefachfrau, die sich ausschliesslich um Patientinnen mit Brustkrebs kümmert: Als «Breast Care Nurse» ist Ka­trin Baumann eine der ersten in der Schweiz. Sie begleitet die Frauen durch die Behandlung – fachlich, emotional.

Mit ihren 30 Jahren ist Katrin Baumann für diese Aufgabe sehr jung. Doch tritt sie so sicher auf und spricht mit so viel Herzblut und Ernsthaftigkeit über ihre Tätigkeit, dass das Al- ter sofort in den Hintergrund rückt. Im thurgauischen Hefenhausen aufgewachsen, war ihr schon als 16-Jährige, nach dem Schnuppern in einer Kinderklinik, klar, dass sie in der Pflege arbeiten wollte. Nun galt es, zwei Jahre zu überbrücken, bis sie mit 18 die Ausbildung zur Pflegefachfrau in Münsterlingen beginnen konnte: Sie ar­bei­te­te jeweils ein halbes Jahr in einem Pflegeheim und in einer Grossfamilie, machte dann die einjährige Vorschule für Gesundheitsberufe in Frauenfeld.

Vor acht Jahren schloss sie die Ausbildung ab und konnte auf der gynäkologischen Abteilung des Kantonsspitals Winterthur eine Stelle antreten. «Ich habe schnell gemerkt, dass mich die Arbeit mit Frauen, die Brustkrebs haben, sehr interessiert», sagt sie heute. Der persönliche Kontakt mit den Patientinnen bedeute ihr sehr viel, sie schätzte schon damals die zum Teil tiefgründigen Gespräche, merkte auch, dass es ihr liegt, mit Patientinnen schwierige Diagnosen auszuhalten. «Ich bin sehr oft tief beeindruckt davon, wie Patientinnen damit umgehen können.»

2007 sah sie im Verbandsheft ein Inserat, das auf eine Weiterbildung zur Breast Care Nurse aufmerksam machte. Ein Pilotstudiengang. Der damalige leitende Arzt des Brustzentrums war interessiert: Das Brustzentrum sollte die Zertifizierung erreichen, und dies setzt die Anstellung einer Breast Care Nurse voraus. Zwei Jahre später konnte Katrin Baumann mit einem 50-Prozent-Pensum anfangen. Das Projekt war auf drei Jahre befristet, wurde ­inzwischen aber verlängert.

Kümmern sich die Ärztinnen und Ärzte hauptsächlich um das Medizinische, so steht Ka­trin Baumann den Patientinnen beratend zur Seite: Sie hilft ihnen, mit allem umzugehen, was mit der Diagnose auf sie zukommt: Ängsten, Auswirkungen der Krankheit, Umgang mit der Familie, mit dem Alltag. Sie ist oft dabei, wenn die Frauen die Diagnose bekommen, und auch bei späteren Arztgesprächen hört sie zu, bleibt noch im Zimmer, wenn die Ärzte weiter müssen und nimmt sich Zeit, auch wiederholt auf Fragen einzugehen. «Ich möchte möglichst früh dabei sein, damit ich die Frauen auffangen und der Rolle einer ständigen Bezugsperson gerecht werden kann.»

Nicht selten muss einer Frau die Brust amputiert werden. Dann unterstützt Katrin Baumann die Patientin im Verständnis des veränderten Körperbilds: Sie passt die Erstprothese an und geht auf das weitere Vorge- hen und die psychischen Auswirkungen ein. Mit dem veränderten Körper gehen die Frauen ganz unterschiedlich um: «Manche können die Wunde nicht anschauen, andere sehen es sehr pragmatisch.» Genau so unterschiedlich ist es mit dem Haarverlust unter Chemotherapie: «Den einen macht das fast nichts aus, andere können sich kaum anschauen und leiden dar­un­ter mehr als unter der Brustamputation.»

In ihrem Büro oder im Zimmer der Patientinnen unterstützt sie diese auch oft bei der Entscheidungsfindung. Sie nimmt den Frauen Organisatorisches ab, telefoniert zum Beispiel, wenn Untersuchungen geplant und koordiniert werden müssen oder die Patientin ein Gespräch mit einem Arzt braucht. «Ich möchte nicht, dass die Patientinnen solchen Dingen nachrennen müssen», sagt sie. Denn mit der Diagnose Brustkrebs werden viele Fragen aufgeworfen. Fragen, die die Patientinnen auch mit der spezialisierten Pflegefachfrau besprechen können. «Viele sind einfach froh, wenn jemand aktiv zuhört.» Sie möchten ihre Gedanken und Ängste loswerden. «Man muss keine Ratschläge geben, das ist sowieso nicht gut», sagt sie. Denn oft seien es andere Dinge, welche die Frauen beschäftigen, als man von aussen so denkt. Die Aussage etwa, man kenne jemanden, der die Krankheit überlebt und jetzt so lebe, als sei nichts gewesen, kommt bei den wenigsten gut an.

Stattdessen frage sie oft, was die ­Patientin gerade am meisten beschäftigt. Manchmal, besonders bei jungen Müttern, ist es die Frage, wie sie ihre Krankheit den Kindern erklären soll. Manchmal ist es die Frage, wie der Ehemann mit der Veränderung umgeht. Manchmal geht es auch um den unerfüllten Kinderwunsch: Nicht selten brauchen Frauen eine Hormontherapie, die sie unfruchtbar macht – für mehrere Jahre. Träume fallen in sich zusammen. Vieles könne sie auffangen, auch dank ihrer zweijährigen Weiterbildung in Psychoonkologie. Manchmal muss sie aber auch an Psychologen verweisen. Wieder andere Frauen können die Krankheit pragmatisch betrachten, sie nehmen sie an, melden sich manchmal gar nicht bei Katrin Baumann. «Sie wissen aber, dass ich hier bin.»

«Die Patientinnen lassen mich sehr nahe an sich heran», sagt sie. Häufig entstehe eine grosse Sympathie, die Abgrenzung sei nicht immer einfach. Als sie und ihr Mann vor 15 Monaten Eltern wurden, sei noch einmal vieles «ins Rollen» gekommen: «Wenn junge Frauen mit kleinen Kindern Brustkrebs bekommen, beschäftigt es mich schon sehr», sagt sie.

Das Herzblut für diese Tätigkeit sei zentral. Noch immer muss sie ab und zu erklären, was sie genau macht, dass sie keine Beraterin für stillende Mütter ist. Sie hat den Verband der Breast Care Nurses mitgegründet, ist bei Kongressen anwesend. Im Brustzentrum des Kantonsspitals ist ihre Anwesenheit ­inzwischen selbstverständlich. «So soll es auch in anderen Spitälern werden.»

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