Aadorf

Sie kämpft gegen Arsen im Wasser

Zwei Mal im Jahr reist die Geochemikerin Barbara Müller aus Ettenhausen nach Nepal. Dort erforscht die fast blinde Frau das Gestein am Himalaya und hilft der Bevölkerung, das arsenhaltige Grundwasser zu filtern.

«Viele Bilder von Nepal habe ich noch aus meiner sehenden Zeit im Kopf»: Die fast blinde Geologin Barbara Müller (links) bei ihrer Feldarbeit im Himalaya mit ihrem Guide Som Rai.

«Viele Bilder von Nepal habe ich noch aus meiner sehenden Zeit im Kopf»: Die fast blinde Geologin Barbara Müller (links) bei ihrer Feldarbeit im Himalaya mit ihrem Guide Som Rai. Bild: PD

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Die Berge haben es Barbara Müller angetan. Schon früh in ihrer Jugend verschlang sie Literatur von Bergsteigerlegenden und studierte erst Geologie und doktorierte in Geochemie, um überall auf der Welt Gesteinsformationen erklimmen zu können.«Geologen sind immer auch Abenteurer», sagt sie zu Hause in Ettenhausen am Küchentisch sitzend. «Denn die Steine suchen wir ja nicht einfach am Strassenrand.»

«Was anderes kann ich nicht»

Auf Abenteuer hat die 56-Jährige noch immer Lust, auch wenn ihr Sichtfeld aufgrund einer Augenkrankheit nur noch 10 Grad beträgt. Auch wenn sie 2007 eine doppelte zentrale Lungenembolie nur knapp überlebt hat und noch immer an den Folgen leidet. Und auch wenn sie immer wieder mit der Invalidenversicherung (IV) vor Gericht steht (siehe rechts).

Müller ist Wissenschafterin durch und durch. «Etwas anderes kann ich nicht.» Sie hat immer eine akademische Laufbahn verfolgt und versucht, sich von ihrer Augenkrankheit nicht behindern zu lassen. Immer wieder liegt sie im Clinch mit der IV, die ihr Hilfsmittel streichen oder nicht gewähren möchte, die sie für ihre Arbeit braucht. Doch Müller streitet, wenn nötig bis vor Bundesgericht. «Ich habe nur diesen einen Beruf und den will ich ausüben.»

Sie ist schnell denkend, schnell lernend und nicht so schnell zu beeindrucken. Sie beherrscht sieben Sprachen und jegliche Sportarten, die im Gebirge von Nutzen sind. «Man sagt mir eine Hochbegabung nach», sagt sie ganz nebenbei. «Ausserdem bin ich hochsensibel, ich habe feine Antennen.» Sie wirkt zuweilen wie ein Wildtier, das in seinem eigenen Lebensraum friedlich grast. Doch fühlt es sich bedrängt oder gar bedroht, wehrt es sich mit aller Kraft.

Das Gift im Berg

Barbara Müller blüht auf, wenn sie von ihren Abenteuern am Himalaya erzählt: Von reissenden Flüssen, von Schneefeldern, die 1000 Meter in die Tiefe führen, von Steinschlägen, von Infektionen und von Blutegeln, die sich während des Monsuns im Gelände tummeln. Dann fuchtelt sie beim Erzählen mit den Händen, die rot lackierten Nägel leuchten. Obschon sie fast blind ist, reist sie zwei Mal im Jahr für mehrere Wochen nach Nepal. An Weihnachten kehrte sie nach einer fast zwei Monate langen Forschungsreise zurück.

Doch nicht der Abenteuer wegen ist Müller auf Reisen. Ihr geht es vor allem um die Wissenschaft. Denn das Trinkwasser vieler Provinzen in Nepal ist mit Arsen vergiftet. Und das Gift kommt aus den Bergen. Es wird aus dem Gestein ausgewaschen und verseucht das Grundwasser im Flachland.

Müller erforscht vor Ort, wie es zu den hohen Konzentrationen von Arsen im Wasser kommt. Und wie man die Bevölkerung mit Filtern davor schützen kann. Denn Arsen reichert sich langfristig im Körper an und verursacht zunächst Hautgeschwüre, dann Krebs. Das einzige, was hilft: Sofortiger Stopp der Arsenaufnahme.

Von Teufel und Beelzebub

Doch das ist gar nicht so einfach, wenn sich das Gift unsichtbar im Trinkwasser verbirgt. Einst versorgten sich die Nepali mit Oberflächenwasser. Doch dieses war stark mit Bakterien belastet. In den 1990er-Jahren dachten Hilfsorganisationen, sie hätten die Lösung gefunden: Grundwasser.

Es wurden Brunnen gebohrt und das Wasser aus dem Boden gepumpt. Gut zehn Jahre später zeigten die Menschen Vergiftungserscheinungen, statt Bakterien war nun Arsen im Wasser. «Man hat den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben», sagt Müller. «Obwohl das Arsenproblem schon aus Bangladesch und Indien bekannt war.» Doch man nahm an, dass das Wasser näher am Gebirge ungiftig sei.

Eine seltene Mischung

Diese Annahme war falsch. Es zeigte sich sogar, dass die Arsenkonzentration in Nepal noch viel höher war. So hoch, dass die Wasserfilter, die in Bangladesch eingesetzt werden, in Nepal nicht ausreichen. Die Materialien für solche Filter sind leicht zu finden. Ein grosser Eimer mit Auslass, Kies, Feinsand und rostige Nägel braucht es. Denn Rost bindet das Arsen. Doch in Nepal reicht es nicht, das Wasser einmal kurz durch den Filter laufen zu lassen.

Eine kanadische Hilfsorganisation nahm sich dem Problem an und fragte 2011 das Wasserforschungsinstitut Eawag der ETH um Rat. Dieses wiederum meldete sich bei Barbara Müller. Denn sie verkörpert eine seltene Mischung: Sie ist Geochemikerin, die Nepal seit 30 Jahren bereist, dadurch Kontakte vor Ort hat und Nepali in Wort und Schrift beherrscht. «Das habe ich von einer Freundin gelernt.»

Sie sagte zu. Nepal war schon immer Müllers Sehnsuchtsort. «Dort gibt es die meisten Achttausender.» Einen solch hohen Berg möchte sie noch besteigen. «Das steht noch auf meiner Liste.»

Nächste Reise schon geplant

Doch erst einmal verarbeitet sie derzeit an ihrem sprechenden Computer die Resultate der letzten Reise. In 31 Häusern im Flachland hat sie mit ihrem Team zusammen die Wasserfilter angepasst. Danach ging es ins Hochgebirge auf über 5000 Meter. Das Ziel waren Gesteinsproben am Fusse des über 8000 Meter hohen Gipfels Manaslu.

Die fast blinde Forscherin steigt dabei durch Geröllfeldern, steinigen Wegen entlang, geht über Hängebrücken, durch Dörfer und überquert Gewässer. Helfen tut ihr dabei ihr Nepali Freund und Bergführer Som Rai, den sie schon seit ihrer damaligen Nepalreise im Jahr 2009 kennt. Er geht voraus, gibt ihr Informationen über das Terrain und trägt sie schon mal über die ein oder andere schwierige Passage.

Trotz Widrigkeiten plant Müller schon jetzt ihre nächste Forschungsreise: Ende April geht ihr Flieger nach Nepal.

Erstellt: 08.01.2019, 16:16 Uhr

Zur Person

Barbara Müller ist 1963 geboren. Nach der Erwachsenenmatur studierte sie Geologie an der ETH Zürich und doktorierte dort 1999 in Geochemie. Danach arbeitete sie jahrelang im Ausland und an der ETH. Heute ist sie als freischaffende Wissenschafterin tätig und arbeitet mit dem Eawag sowie den Universitäten Basel und Bern zusammen. Sie erhält eine 50-prozentige IV-Rente und finanziert ihre Arbeit mit der Hilfe von verschiedenen Stiftungen. Derzeit arbeitet sie an ihrer Habilitation, um als Privatdozentin an der Uni Basel tätig sein zu können. Weiter hat sie ein Didaktik-Zertifikat in Umweltlehre an der ETH Zürich erworben und eine Ausbildung zur Meditationsleiterin am Tibet-Institut in Rikon absolviert. Müller amtet zudem seit 2012 für die SP als thurgauer Kantonsrätin und organisiert Nepal-Reisen für Menschen mit Sehbehinderungen. (Bild: rut)

Der jahrelange Streit mit der IV

Barbara Müller ist Forscherin und möchte das bleiben – trotz ihrer Augenkrankheit. Immer wieder kommt es jedoch zum Streit mit der IV.

Seit 2012 ist die Aadorfer Wissenschafterin Barbara Müller immer wieder in Gerichtsverfahren mit der Invalidenversicherung (IV) des Kantons Thurgau verstrickt. Ihr Dossier zähle unterdessen über 4000 Seiten. Insgesamt 15 solcher Verfahren wurden schon durchgespielt – zum Teil bis vor Bundesgericht.

In elf der Gerichtsfälle ging es um Hilfsmittel, die Müller für die Ausübung ihres Berufs braucht, für welche die IV jedoch nicht aufkommen möchte. Die 56-Jährige hat eine degenerative Augenerkrankung. Seit über 30 Jahren verkleinert sich ihr Sichtfeld stetig. Derzeit hat sie noch 10 Grad. Die Krankheit wird wohl zur Erblindung führen.

Für ihre Arbeit ist sie auf spezifische Hilfsmittel für Blinde angewiesen, zum Beispiel eine Software, die Texte oder Handlungen am Computer vorliest oder ausgebildete Blindenführer. Weiter leidet Müller an Spätfolgen einer doppelten Lungenembolie, die in einer Notoperation am Brustkorb behoben wurden.

Allerdings kam es nie zu einer Rehabilitation, was heute Beschwerden verursacht und Müller mit den Versicherungen um die Therapiekosten streiten lässt. rut

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