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Sie können sich einfach nicht erinnern

Winterthur Die Ursachen für eine Transiente Globale Amnesie sind nach wie vor ungeklärt. Und das trotz 60 Jahren intensiver Forschung.

Die Transiente Globale Amnesie (TGA) scheint ein ziemlich rätselhaftes Phänomen zu sein. Können Sie erklären, was im Gehirn passiert? Andreas Horst*: Es gibt diverse Erklärungsversuche. Doch obwohl sich die Wissenschaft seit 60 Jahren intensiv damit beschäftigt, konnte noch niemand die Ursachen genau nachweisen. Man weiss lediglich, dass der Zustand gehäuft auftritt nach einem Sprung ins kalte Wasser, nach körperlichen Anstrengungen – auch Geschlechtsverkehr – sowie während Ereignissen, bei denen die Emotionen hochgehen. Zum Beispiel am Geburtstag. Auch Migränepatienten scheinen häufiger betroffen zu sein. Was für Funktionen sind beeinträchtigt, welche nicht? Während einer Zeitspanne von etwa sechs bis acht Stunden können Betroffene überhaupt keine neuen Informationen abspeichern. Sie fragen deshalb etwa alle drei Minuten, wo sie sind und was los ist. An diese Zeitspanne können sie sich auch später nicht mehr erinnern. Während der Amnesie ist auch ein Zeitraum von rund einem Tag davor plötzlich weg. Diese Ereignisse kommen nach der Normalisierung meist wieder zurück. Alles, was man früher gelernt hat, funktioniert noch. Betroffene können Velo oder Auto fahren und finden ihren Heimweg noch, wenn sie nicht ganz frisch umgezogen sind. Sie reagieren unauffällig. Sie sind höchstens verängstigt, weil sie nicht wissen, wie sie an den Ort gekommen sind, an dem sie gerade sind, und was um sie herum passiert. Wie häufig ist die Erkrankung? Die Fachliteratur geht von 3 bis 8 Fällen pro 100 000 Einwohner und Jahr aus. Also eher selten. Im Kantonsspital Winterthur sehen wir jährlich 8 bis 10 solche Patienten. Sie sind meist zwischen 50 und 70 Jahre alt. Bei unter 40-Jährigen sind keine solchen Erkrankungen dokumentiert. Wie können Sie diese vorübergehende Vergesslichkeit von schwerwiegenderen Krankheiten unterscheiden? Eine Amnesie kann auch auftreten, wenn man zu viele Schlafmittel oder zu viel Alkohol konsumiert. Ist ein Hirninfarkt die Ursache, kommen immer andere Symptome wie zum Beispiel Lähmungserscheinungen hinzu. Auch gewisse epileptische Anfälle können Ähnlichkeiten aufweisen. Doch diese Menschen starren meist vor sich hin, reagieren kaum und nesteln. Wenn ich den Patienten untersuchen kann und Angaben von Zeugen habe, kann ich ohne weitere apparativen Untersuchungen auf eine Transiente Globale Amnesie schliessen. In der Neurologie sind Angehörige stets sehr wichtig für die Diagnose. Sie sind es, die schildern können, wie sich der Betroffene verhalten hat, bevor er ins Spital gekommen ist. Wie behandeln Sie TGA- Patientinnen und -Patienten? Wenn sie Angehörige haben, die sie betreuen können, dürfen sie nach Hause gehen. Alleinstehende behalten wir hier, bis sich der Zustand normalisiert hat. Nach ein paar Stunden kommt die Merkfähigkeit zurück. Bis sich die Situation vollständig normalisiert hat, dauert es rund 24 Stunden. Ein solches Ereignis wird die Betroffenen wohl stark verunsichern. Bleiben Beeinträchtigungen im Gehirn zurück? Nein. Und meist handelt es sich um einzelne Episoden, die sich nicht wiederholen. Andrea Söldi *Dr. med. Andreas Horst ist Chefarzt Neurologie, Kantonsspital Winterthur

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