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Sie sind jung und klug und reisen für den Kurzfilm um die Welt

Kaum eine Szene ist international so gut vernetzt wie die Kurzfilm­szene. Fünf Begegnungen mit Menschen aus Indonesien, ­Kiew, Paris und Winterthur.

Ein Festival wie die Kurzfilmtage bringt Menschen aus der ganzen Welt nach Winterthur. Unter den 17 000 erwarteten Besuchern befinden sich 350 Filmschaffende. Sie kommen nicht nur, um sich Filme anzusehen, die zum grossen Teil ausschliesslich an solchen Festivals zu sehen sind. Der sechs Tage dauernde Anlass ist nicht zuletzt auch ein grosser Branchentreffpunkt, an dem zukünftige Projekte geschmiedet werden. Ein Merkmal haben die Mehrzahl der Besucher gemeinsam: Sie sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Fünf davon hat der «Landbote» am Rand des Festivals zum Gespräch getroffen. Kurator des Centre Pompidou und Jurymitglied Er habe bisher weder Winterthur noch die Kurzfilmtage gekannt, sagt Jonathan Pouthier freimütig. Pouthier arbeitet im Pariser Centre Pompidou, dem nationalen Museum für moderne Kunst. An den Kurzfilmtagen Winterthur sitzt er in der fünfköpfigen Jury des Internationalen und des Schweizer Wettbewerbs . Doch zwei Dinge waren ihm in Winterthur bereits ein Begriff, wie der grosse, schlaksige und sehr beredte junge Mann sogleich erklärt: das Fotozentrum und die Reinhart-Sammlungen. Die laufenden Fotoausstellungen zu Antonionis Filmklassiker «Blow Up» und zum Schweizer Fotografen Rudy Burckhardt hat er sich deshalb bereits am ersten Morgen seines Aufenthalts angesehen. Unbedingt sehen will er auch den Brueghel in der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz». «Das Centre Pompidou ist ein riesiger Kasten», meint Pouthier zu ­seinem Arbeitsort. Er ist dort in der Abteilung Film für die Programmation verantwortlich; in diesem Jahr hat er etwa ein Filmprogramm zu Marcel Duchamp zusammengestellt. Auf einfache Fragen antwortet der intellektuell beschlagene Mann mit Jahrgang 1983 ausführlich und geschliffen. Dass für ihn Filme Quellen für neue Diskurse sind, glaubt man ihm aufs Wort. Für eine Beurteilung des Kurzfilmjahrgangs 2014 sei es noch zu früh: «Ich habe noch keine Position», meint Pouthier. Aufgefallen ist ihm indes, dass politisch engagierte Filme dieses Jahr stark vertreten sind. Den Eindruck, dass es einen Trend gibt hin zum linearen Erzählen, teilt Pouthier nicht. Vielmehr sei die Szene sehr vielfältig, es gebe schlicht alles. Das Experimentelle diene überdies oft als Vorwand, um dem Erzählen auszuweichen, und der Zwang dazu könne selbst zum Klischee werden. «Man muss eine Balance finden zwischen experimentellen und narrativen Elementen.» Filmstudent und Regisseur aus Winterthur Die stilistische Palette des Winterthurer Kurzfilmfestivals sei schon immer sehr breit gewesen, sagt der Winterthurer Filmemacher Jan-Eric Mack, der ebenfalls 1983 geboren ist. Wobei die Grenze zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem zunehmend verfliesse. Im Dokfilm werde auch inszeniert und im fiktiven Film mit dokumentarischen Mitteln gearbeitet, weiss Mack, der langsam und überlegt spricht. «Man ist nahe dran an den Figuren, die Authentizität ist wichtig. Eine Tendenz, die man auch bei den Langspielfilmen beobachten kann.» Politische Themen seien, übers ganze Programm gesehen, immer stark vertreten gewesen. Diesmal seien es allerdings besonders viele. Das habe mit der grossen Unsicherheit zu tun, die zurzeit herrsche, ist er überzeugt: «Am Rand von Europa brodelt es.» Entsprechend haben die Organisatoren den thematischen Schwerpunkt auf die «europäische Idee» gelegt. Mack nimmt zum fünften Mal an den Kurzfilmtagen teil – zum ersten Mal mit einem Dokumentarfilm. In «Wandelzeit – Eine Gletscherperformance» macht er das Schmelzen des Brunnifirns im Kanton Uri anschaulich sichtbar. Aber sehr atmosphärisch und mit Musik unterlegt, sagt Mack. «Denn ein Film muss mehr machen, als nur etwas abbilden.» In seinem letzten Festivalfilm «Alfonso» von 2013 legt eine Sängerin unter Hypnose einen magischen Auftritt hin – danach läuft alles aus dem Ruder. An «Alfonso», Macks Bachelorarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste, waren sechzig Personen beteiligt. Bei seinem Gletscherfilm kam er nun mit nur fünf Leuten aus. Um magische Kräfte geht es auch diesmal: Um jene der Natur, verrät Mack. «Wandelzeit» läuft heute um 17 Uhr im Theater Winterthur. Produktionsassistentin aus Jogjakarta auf Java Filmmenschen sind viel unterwegs. Irmina Kristina, Produktionsassistentin bei Limaenam Films, ist am Mittwoch von Jogjakarta auf der indonesischen Insel Java angereist und hat dann erst mal den Jetlag ausgeschlafen. Das Ziel der zierlichen jungen Frau, die schnell und dezidiert spricht: Kontakte zu knüpfen zu Film­verleihern. Die Chancen, dass sie fündig wird, stehen nicht schlecht. Immerhin hat der von ihr vertretene Film «A Lady Caddy Who Never Saw a Hole in One» von Yosep Anggi Noen bereits an Festivals in Tokio und in Busan in Südkorea erste Preise gewonnen. In Winterthur läuft der Film, der eine Golflektion mit einer Liebesgeschichte verknüpft und nebenbei ein politisches Statement zur Militarisierung abgibt, im Internationalen Wettbewerb (heute, 11.30 Uhr, Theater Winterthur). Wie muss man sich die Filmszene auf Java vorstellen? Irmina Kristina schätzt die Zahl der jungen Filmemacher in Jogjakarta, die etwas mehr als eine halbe Million Einwohner zählt, auf etwa fünfzig. Und ein Filmfestival gibt es in ihrer Heimatstadt natürlich auch. Das Jogja-Netpac Asian Film Festival geht Anfang Dezember zum neunten Mal über die Bühne. Von Winterthur weiss die studierte Buchhalterin, die über einen Freund aus der Universität zum Film gekommen ist, bei unserem Treffen am Donnerstag noch nichts. «Aber ich werde sicher einen Rundgang machen», sagt sie, «die Gastgeber, bei denen ich wohne, kennen die Stadt gut.» Nach dem Festival reist sie nach Berlin, um Freunde zu treffen. Die Produzentin und der Filmemacher aus Kiew «Unser Film wird zurzeit stark beachtet», sagt Yulia Serdyukova, Produzentin und Filmverleiherin von Docudays in Kiew. Der zehnteilige Episodenfilm «Euromaidan. Rough Cut», der gestern Abend im Casino-Festsaal gezeigt wurde, dokumentiert den Aufstand auf dem Kiewer Maidan aus der Sicht von zehn Filmemachern. Er läuft dieses Jahr an zahlreichen Festivals, in Leipzig etwa, in Amsterdam und in Jihlava in Tschechien. Zu unserem Gespräch hat Serdyukova den erschöpft wirkenden Filmemacher Roman Bondarchuk mitgebracht; man sieht den beiden an, dass die Ereignisse in ihrer Heimat sie stark beschäftigen. Beide sehen den Film «Euromaidan», der das Geschehen aus der persönlichen Perspektive der am Aufstand Beteiligten erzählt, als ein Mittel im Kampf gegen die russische Propaganda. Auch das Gespräch mit dem Publikum nach der Filmvorführung versuchten russische Sympathisanten in ihre Richtung zu lenken, ist Bondarchuk überzeugt. Entweder er selbst oder Serdyukova seien deshalb immer anwesend, um Missverständnisse auszuräumen. Manchmal ist Serdyukova auch als Fotoreporterin unterwegs. Im Donbass-Gebiet an der russisch-ukrainischen Grenze bekam sie einen Einblick in die Auswirkungen der Propaganda der russischen Medien. Diese hätten den Leuten weisgemacht, die ukrainische Armee bringe die Bevölkerung in den von ihr kon­trol­lier­ten Gebieten um, berichtet Serdyukova; auch offizielle Newssendungen im Fernsehen schreckten vor erfundenen Horrorgeschichten nicht zurück. In Winterthur, wo sie bereits das Kunstmuseum besucht haben, geniessen die beiden die «sehr friedfertige und entspannte» Atmosphäre, wie Bondarchuk es nennt. Das Kurzfilmfestival Winterthur unterscheide sich stark von anderen Festivals, sagt Serdyukova. Auffällig sei die «antihierarchische Struktur» des Teams: «Sie wirken wie eine Gruppe von Freunden.»

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