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Siegeszug im Delirium

Joaquin Phoenix taumelt in «Inherent Vice» herrlich unbedarft und zugedröhnt durch mehrere Kriminalfälle. Die Zuschauer verstehen nicht mehr als er – aber das ist in diesem Fall eigentlich auch egal.

Es gibt Filme, in denen geht es nicht nur um Drogen, sie lassen den Zuschauer auch etwas benebelt zurück. «Fear and Loathing in Las Vegas» ist so einer oder «Requiem for a Dream». Wer bei «Inherent Vice» zweieinhalb Stunden lang in Joaquin Phoenix’ verhangene Augen schaut und nebenbei versucht, den aberwitzigen Dialogen zu folgen, verlässt das Kino entweder selig-entrückt grinsend oder schwer genervt. Paul Thomas Anderson spaltet mit seiner Romanverfilmung voller Stars die Geister – und das ist kein Wunder.

Ein fiktiver Küstenort in Kalifornien, 1970. Larry «Doc» Spor- tello, dauerbekiffter Privatermittler ohne sichtbaren Ehrgeiz, aber mit beeindruckendem Backenbart, hat plötzlich drei Fälle zu lösen. Seine Ex-Freundin sorgt sich um ihren Lover, einen steinreichen Immobilienhai. Ein Schwarzer sucht einen Neonazi, der ihm aus der gemeinsamen Zeit im Knast Geld schuldet. Und eine ehemalige Heroinsüchtige sucht ihren angeblich toten Mann (Owen Wilson).

Ahnungsloser Anwalt

Natürlich hängen alle Fälle irgendwie zusammen. Um sie zu lösen, muss Doc sich mit einem sadistischen Polizisten (Josh Brolin), einem Muskelpaket mit Hakenkreuz-Tattoo auf der Wange und einem Zahnarzt auf Koks herumschlagen. Hilfe kommt von seinem Anwalt (Benicio Del Toro), den er nicht bezahlt und der keine Ahnung von Strafrecht hat, und einer Polizistin (Reese Wi- therspoon), mit der Doc nebenbei auch schläft. Ein rätselhaftes Schiff, das 50 Jahre im Bermudadreieck festgehangen haben soll, hält Doc ebenso auf Trab wie eine gigantische Ladung Heroin, die er plötzlich im Kofferraum hat. Wer genau verstehen will, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, muss sich den Film zweimal anschauen. Geklärt ist am Ende zwar eigentlich nichts, aber das erwartet nach reihenweise absurden Begebenheiten, ins Leere gelaufenen Dialogen und unerklärten Wendungen sowieso keiner mehr.

Die Mischung aus Ahnungslosigkeit, Dreistigkeit und bekifftem Charme, mit der Joaquin Phoenix alias Doc sich durch die Handlung bewegt, macht ihn zu einem würdigen Nachfolger der Kultfigur «The Big Lebowski» (Jeff Bridges) aus dem Film der Coen-Brüder – und es wäre kein Wunder, wenn demnächst deutlich mehr Männer mit Backenbärten gesichtet würden. Regisseur Anderson hat sich ziemlich treu an die Romanvorlage von Thomas Pynchon gehalten. Dabei sei sein erster Gedanke gewesen, als er 2009 das gerade erschienene Buch gelesen habe: «Daraus mache ich nie einen Film», schrieb er in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift «Vice». Die vielen abgerissenen Handlungsstränge und die schiere Menge an Information wirkten entweder überwältigend oder benebelnd – das habe er sich für die Kinofassung auch gewünscht.

Es ist ihm gelungen. «Inherent Vice» ist surreal, immer wieder unglaublich komisch und polarisiert Kritiker wie Zuschauer.

Freunde einer logischen Handlung werden mit diesem Film noir ganz bestimmt nicht glücklich, auf Twitter ist dokumentiert, dass einige erbost die Kinos verliessen. Wer sich auf ein bisschen filmisches Delirium einlassen kann, wird dagegen grosses Vergnügen haben.

Teresa Dapp, dpa

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