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Sind unsere Schulklassen zu gross?

Sollen Schulklassen aus maximal 20 Schülerinnen und Schülern bestehen? Oder reicht es, wenn die Lehrkräfte punktuell Verstärkung erhalten? Ein Streitgespräch über die Klassengrösseninitiative und den Gegenvorschlag.

Was versprechen Sie sich von der Begrenzung der Klassengrösse auf 20 Kinder? Johannes Zollinger: Eine spürbare Entlastung für Lehrpersonen und Verbesserungen für die Schülerinnen und Schüler. Kleinere Klassen geben der Lehrperson mehr Möglichkeiten, sich um individuelle Bedürfnisse der Kinder zu kümmern. Die Gesellschaft und mit ihr auch die Schulklassen sind heterogener geworden. Das bedeutet mehr Aufwand – auch für Gespräche mit Eltern. Anita Borer: Es stimmt, dass der Aufwand gestiegen ist. Aber die In­itia­ti­ve bekämpft nur die Sym­pto­me. Es kommt nicht auf die Klassengrösse an, sondern auf die Zusammensetzung der Klasse. Das Problem sind die Störenfriede. Verkleinert man eine Klasse und hat trotzdem schwierige Fälle darin, bringt das wenig. Selbst Lehrer finden, die Klassengrösse sei nicht entscheidend. Sie schlugen deshalb vor, schwierige Schüler doppelt zu zählen. Dieser Vorschlag ist vom Tisch. Zeigt er nicht die Schwäche der Initiative? Zollinger: Nein, das Problem ist, dass sich die Zusammensetzung der Klassen nicht steuern lässt. Kinder müssen dort zur Schule, wo sie wohnen. Steuern lässt sich eben einzig die Schülerzahl pro Klasse. In der Primarstufe haben wir eine Richtzahl von 25 Schülern, aber erst bei 29 ist es zwingend, Abhilfe zu schaffen. Wir boten verschiedentlich Lösungen an mit einer flexiblen Richtzahl. Aber nie ist man dar­auf eingestiegen. Dar­um bringen wir jetzt die Initiative. Borer: Es gibt andere Ansätze als die Klassengrösse. Das Hauptproblem ist das Volksschulgesetz, das zu stark auf Integration setzt. In gewissen Fällen macht Integration ja Sinn, aber nicht auf Biegen und Brechen. Die Gemeinden müssten wieder wie früher ohne Nachteile flexibel entscheiden können, ob sie Kleinklassen bilden wollen oder nicht. Heute ­haben sie oftmals nur die Wahl, Problemfälle entweder in teure Sonderschulheime auszulagern oder sie in die Regelklasse zu integrieren. Zollinger: Ich teile zum Teil die Kritik am integrativen Konzept. Integration ist gut, weil Kinder so nicht stigmatisiert werden. Aber wir sind ins Extreme gefallen. Mit der Integration haben wir die Probleme auf die ganze Schule verteilt. Vorher hatten wir sie nur in speziellen Kleinklassen. Borer: Dar­um sage ich, dass wir den Gemeinden wieder mehr Flexibilität geben müssen, kleine Klassen bilden zu können. Heute müssen sie eine vorgegebene Zahl an Ressourcen für den integrativen Unterricht einsetzen. Zollinger: Theoretisch könnte man bereits heute Kleinklassen bilden. Weil aber die Zahl der zugeteilten Vollzeiteinheiten pro Klasse fix ist, muss die Gemeinde, wenn sie eine Kleinklasse bildet, eine andere Klasse umso grösser machen. Dazu kommt ein anderes Problem: Seit es den Anspruch auf integrativen Unterricht gibt, ist es schwierig geworden, Eltern davon zu überzeugen, dass ihr Kind in einer Kleinklasse besser aufgehoben ist. Es droht immer der Rechtsweg. Die In­itia­ti­ve verursacht jährlich Kosten von 120 Millionen. Das ist viel, zumal unsicher ist, ob sie die Probleme löst. Zollinger: Wir stellen die von der Regierung genannten Zahlen infrage. Wir selber gehen von 60 bis 80 Millionen aus. Die wirklichen Kosten hängen davon ab, wie man die In­itia­ti­ve umsetzt. Wir haben immer gesagt, dass wir sie nicht stur, sondern pragmatisch umgesetzt haben wollen. Hat man zum Beispiel in Sternenberg in einer Klasse 21 Schüler, braucht man den 21. nicht unbedingt nach Bauma zu schicken. Letztlich geht es bei der In­itia­ti­ve um eine Investition in die Zukunft, die wir uns leisten sollten. Borer: Ob 120 oder 80 Millionen: Es ist zu viel Geld im Verhältnis zum Nutzen. Für die Gemeinden entstehen zudem Folgekosten wegen des zusätzlichen Schulraums, den sie zur Verfügung stellen müssen. Schon heute fehlt dieser vielenorts. In den letzten Jahren hat man in der Schule viel gemacht, was viel Geld gekostet, aber nichts gebracht hat. Frau Borer, Sie lehnen nicht nur die Initiative, sondern auch den Gegenvorschlag ab. Unbestritten ist aber, dass Lehrer einen Verschleissjob haben und burnout-gefährdet sind, wie eine Studie kürzlich zeigte. Kann man da einfach für Nichts­machen plädieren? Borer: Ich plädiere nicht dafür, nichts zu machen. Aber ich bin gegen diese In­itia­ti­ve und diesen Gegenvorschlag, weil beide schon im Ansatz falsch sind. Der Gegenvorschlag bringt ebenfalls Mehrkosten, auch wenn er moderater ist. Aber er bewirkt fast gar nichts. Herr Zollinger, Sie befürworten In­itia­ti­ve und Gegenvorschlag, favorisieren aber die Initiative. Was finden Sie gut am Gegenvorschlag und was nicht? Zollinger: Gut ist, dass es ihn überhaupt gibt. Der Kantonsrat, der ihn ausgearbeitet hat, anerkennt damit, dass es ein Problem gibt. Allerdings ist der Gegenvorschlag derart «schmürzelig», dass man ihn kaum spürt. Trotzdem: Wenn ich am Verdursten bin und ein Gläschen Wasser erhalte, sage ich nicht Nein danke, das bringt mir nichts, sondern greife zu. Am Gegenvorschlag bemängle ich auch, dass die rund 100 zusätzlichen Lehrerstellen, die zur Verfügung gestellt werden, nicht von den Gemeinden, sondern vom Volksschulamt verwaltet werden. Damit ist der Stellenpool für Notfälle angesprochen, über den das Volksschulamt verfügt. Er ist zurzeit mit 160 Stellen bestückt. Finden Sie diesen Pool eine gute Sache? Borer: Ja, den braucht es. War­um sträuben Sie sich denn dagegen, dass er via Gegen­vorschlag mit 100 zusätzlichen Stellen aufgestockt wird? Borer: Zusätzliche Angebote kurbeln auch die Nachfrage an. Der Zweck des Pools ist ja vor allem, dass man Gemeinden unter die Arme greifen kann, die unter dem Jahr Veränderungen erfahren oder mit ihren Stellen nicht auskommen. Zollinger: Die Lehrpersonen wollen nicht a priori mehr Leute. Die meisten sind zufrieden, wenn alles gut funktioniert. Denn mit zusätzlichen Leuten steigt auch der Aufwand für Absprachen. Als Schulpräsident stelle ich fest, dass Lehrer nur Hilfe holen, wenn sie wirklich am Anschlag sind. Borer: Ich sage nochmals, man muss bei den Ursachen ansetzen, nicht bei den Sym­pto­men. Die Zusammensetzung der Klassen ist entscheidend, nicht deren Grösse. Die Gemeinden sollten mehr Flexibilität erhalten, um Kleinklassen bilden zu können. Und die Kleinklassen sollten vom System her nicht so verpönt sein. Oft sind sie sinnvoll. Immer mehr zusätzliche Stellen lösen das Grundproblem nicht. Moderation: Thomas Schraner

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