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Sinfonischer Gesang

Wäre das Lucerne Festival so etwas wie ein Wettbewerb der Dirigenten, so hätte sich am Montag ein weiterer jung arrivierter Star als ernst zu nehmender Thron-Prätendent vorgestellt: Alan Gilbert dirigierte Gustav Mahlers 3. Sinfonie.

Alan Gilbert, Jahrgang 1967, in New York geboren und seit 2009 in seiner Heimatstadt Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra, trat zum ersten Mal am Lucerne Festival auf, und er hatte ein grossartiges Instrument für sein Debüt mit Werken von Ludwig van Beethoven (9. Sinfonie) am Sonntag und Gustav Mahler (3. Sinfonie) am Montag, nämlich das Gewandhausorchester Leipzig und Chöre und Kinderchor des Gewandhauses und der Oper Leipzig, ein riesiges Kollektiv, wunderbar profiliert in allen Registern und bester wechselseitiger Feinabstimmung.

Der Leipziger Chefdirigent Riccardo Chailly musste wegen eines gebrochenen Arms seine Leitung der Tournee mit der 3. Sinfonie von Gustav Mahler absagen. Das betraf die Saisoneröffnung in Leipzig letzte Woche, zu der traditionellerweise auch ein grosser Open-Air-Anlass auf dem Augus­tusplatz gehört, dann die Gastspiele, die nach den beiden Konzerten in Luzern schon gestern ihre Fortsetzung in Berlin fanden und am Donnerstag in die Royal Albert Hall in London führen.

Im Kopf und in den Händen

Man darf sich diesen Fahrplan vergegenwärtigen und doch von der Einmaligkeit eines jeden Auftritts sprechen, von «Routine» jedenfalls war bei Mahlers Dritter keine Spur, allenfalls liessen zwei, drei nicht ganz makellose Einsätze des Blechs an das enorme Pensum denken, das die Musiker im Festspielreigen zu bewältigen haben. Für die enorme Gespanntheit und Spontaneität zugleich, die zumal den komplexen Kopfsatz der Sinfonie prägen, sorgte Gilbert mit der riesigen Partitur im Kopf und mit klarer Gestik für den Zug zu Höhepunkten und Entladungen und für die sorgfältigste Nuancierung des Klangs.

Mahlers «Weltbau», als den er sein sinfonisches Komponieren ja bezeichnete, mag sich wohl kaum je erschliessen, weil ge­gen­über dem musikalischen Geschehen ­alle programmatischen Verweise, auch die von Mahler selber, mehr oder weniger unzulänglich erscheinen. Und doch ist im Hören dieser Musik viel Raum für Assoziation ins erlebnishaft Gedankliche beziehungsweise «Weltanschauliche». Und an suggestiver Aufladung des Klanggeschehens liessen es die Leipziger nicht fehlen, es wurde ausgereizt etwa im Panorama, das der Kopfsatz zwischen Trauer- und Militärmarsch, zwischen dumpfer Verhaltenheit und grellen Auftrumpfen aufzieht.

Einleuchtend

Ein ruhiges Zeitmass, aber entschiedene Agogik, die Dynamik selten auf die Spitze getrieben, in den unteren Graden stark differenziert bis zum pp der grossen Trommel an der Hörschwelle, prä­gnan­tes Ausspielen der Effekte etwa das «Hinunterziehen» des Tons gleichsam ins Nichts durch Posaunen, Hörner, Fagott – da leuchtete alles sehr ein im Gang durch die sechs Sätze: die Gemütsseligkeit des Posthorns, das klangvoll beschwörende Raunen der Altstimme (Gerhild Romberger), der Wunderhorn-Klang des Chors, die Beseeltheit des grossen sinfonischen Gesangs im Finalsatz. Herbert Büttiker

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