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«Singles tragen viel zur Gesellschaft bei»

Familienpolitik ist in aller Munde. Sylvia Locher vertritt die Interessen der Singles. Sie setzt sich dafür ein, dass etwa die Sozialversicherungen auch für Alleinstehende gerecht sind.

Sie sind Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Frauen und Männer (AUF), die sich für Alleinstehende einsetzt. Wer sind die Alleinstehenden? Sylvia Locher: Das sind zum Beispiel die Ledigen, die alleine leben, Geschiedene, Verwitwete. Ursprünglich waren wir der Verein für die ledigen Frauen. «Alleinstehend» ist aber schwierig zu definieren. Der Begriff wird auch bei uns kontrovers diskutiert. Die einen finden ihn abschätzig und bedürftig, andere finden ihn selbstbewusst und toll. Mir persönlich gefällt die Bezeichnung «Single». Ich bezeichne mich so. War­um war der Verein ursprünglich nur für Frauen gedacht? An der Frauenkonferenz 1975 wurden ganz verschiedene Themen behandelt, die Frauen betreffen. Einzig Familienfrauen standen im Fokus. Ledige gingen vergessen – das wollten wir im Sinn der Gleichstellung der Zivilstände ändern. Dann sind die Mitglieder in Ihrem Verein selbst gewählt Singles. Vieles ergibt sich auch aus dem Leben. Der Wunsch nach einer Partnerschaft ist bei vielen Alleinstehenden gross. Viele sind deshalb unzufrieden. Aber es gibt auch diejenigen, die sich gut eingerichtet haben. Das Leben besteht ja nicht nur aus Partnerschaft, sondern auch aus Arbeiten, Reisen, Einkaufen und, und, und. In der Gesellschaft haben Paare aber einen anderen Status. Das sieht man zum Beispiel bei Politikern: Wer zu zweit auftritt, macht einfach mehr her. Ich lebe seit vielen Jahren alleine. Und das sehr gut und zufrieden. Das sage ich nicht, weil ich das als AUF-Präsidentin müsste. Ich arbeite viel, ich habe meinen Rhythmus und ein gutes soziales Netz. Das ist wichtig. Vertreten Sie vor allem diejenigen, die von ihrer Lebensweise überzeugt sind, oder auch diejenigen, die nicht selbst gewählt alleine leben? Es geht darum, dass die, welche alleine leben – aus welchen Gründen auch immer –, auf politischer Ebene eine Stimme bekommen. Sei es bei den Steuern oder bei den Sozialversicherungen. Wie erleben Sie den Alltag als Single? Für mich ist das eine wertvolle Lebensform. Am liebsten hätte ich einen Partner, wenn ich den Haushalt erledige (lacht) . Viele gehen einfach davon aus, dass ein Partner ein Gewinn ist. Manchmal würde ich gerne mehr teilen oder «abladen». Aber deswegen rufe ich abends niemanden an. Ich habe das Glück, dass ich in einem Haus wohne, in dem viele Singles leben. Mit den Bewohnerinnen und Bewohnern habe ich Freundschaften aufgebaut, mit ihnen teile ich vieles. Man hilft sich gegenseitig und unterstützt sich. Weil ich ein extrem gutes Umfeld habe, denke ich nicht, dass mir etwas fehlt. Das hängt aber sehr stark von der Person ab. Was sind die wichtigsten Anliegen Ihres Vereins? Klar: die Sozialversicherungen. Diese sind momentan eindeutig auf Familien und Paare ausgerichtet. Auch die Steuern finden wir sehr ungerecht. Nur schon bei der Erbschaftssteuer sind die Unterschiede extrem. Oder die Steuersätze: Wir haben viel höhere als Verheiratete. Diese haben zwar wiederum das Problem der Progression. Ständig vergleicht man Verheiratete mit Konkubinatspaaren. Doch wir sind eine Gesellschaft! Wenn wir etwas Neues schaffen wollen, muss man doch alle Lebensformen berücksichtigen. Ich bin auch dafür, dass man die Progression bei den Ehepaaren anschaut. Aber nicht, indem man noch mehr Abzüge macht, die Paaren zugutekommen. Konkubinatspaare kämpfen oft für gleiche Rechte wie Verheiratete. Immerhin können sie aber heiraten, wenn sie etwas an ihrem Zustand ändern wollen. Gehen die Singles vergessen? Kürzlich sagte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf in der Abstimmungs-«Arena» zur SVP-Familien­initiative, man dürfe die Alleinstehenden nicht vergessen, schliesslich würden sie einen grossen Teil an die Schulkosten bezahlen. Wir werden eigentlich nur dann berücksichtigt, wenn man unsere Stimmen braucht. Dafür müssen Singles nichts teilen und können alles für sich behalten. Aber auch die Kosten kann ich nicht teilen. Zum Beispiel die Miet- und Nebenkosten. Auch beim Einkaufen fahre ich weniger günstig: Ich muss so viel einkaufen – bei mir könnten immer zwei essen. Alleine leben ist im Verhältnis sehr teuer. Man muss sich lösen von dem Bild, dass Singles viel verdienen und sich alles leisten können. Das stimmt nicht. Es gibt auch einige Frauen, die gar nie von ihrem Zuhause ausgezogen sind, weil sie ihre alten Eltern pflegten. Worin bestehen die grössten Benachteiligungen für die Alleinstehenden? In der Schweiz gibt es 1,2 Millionen Singlehaushalte. Was mich am meisten stört, ist, dass das auf politischer Ebene einfach ausgeklammert wird. Die grösste Benachteiligung betrifft die Sozialversicherungen. Das Schlimmste finde ich die Pensionskasse: Ich zahle mein Leben lang in diese Kasse ein. Wenn ich nicht mehr bin, gehört das Geld der Pensionskasse. Bin ich verheiratet, hat jemand etwas von dem Geld. Das ist ungerecht. Die Alleinstehenden haben zum Beispiel eine soziale Familie. Sie sollten jemanden begünstigen können, der sie vielleicht auch unterstützt hat. Ich bin aber gegen einen Ausbau. Vielmehr befürworte ich eine Einschränkung: Sozialversicherungen müssten personenbezogen und nicht zivilstandsbezogen funktionieren. Viele Frauen wären vielleicht beruflich engagierter, wenn sie sich nicht so durch ihren Ehemann abgesichert fühlten. Heute bindet man Frauen durch die Sozialversicherungen eher an die Männer. Das sollte für künftige Generationen anders sein. Die Familie liegt ja wieder im Trend. Begeben sich die jüngeren wieder eher in den sicheren Ehehafen? Ein Erwerbsleben dauert etwa 44 Jahre. Erziehungsarbeit hingegen nur etwa 20 Jahre. Für die Zeit ohne Kinder müssten die Frauen auch selber schauen, dass sie sich ihre Renten erarbeiten können. Es kann nicht sein, dass man ein Leben lang profitiert, nur weil man Familie hat. In der Familienphase soll man abgesichert sein. Danach sollte man aber den Schlenker ins Berufs­leben wieder machen – auch wenn es hart ist. Was stört Sie an der Familienpolitik? Wenn ich das Wort Familienpolitik höre, dann denke ich sofort an ein «Steueroptimierungsverfahren», das wohl im Gang ist. Die sogenannte Familienpolitik setzt sich vor allem für gut situierte, mittelständische Familien ein. Die armen Familien profitieren wenig. Das stört mich. Schlimm ist doch, dass man zulässt, dass Arbeitgeber so schlechte Löhne zahlen können, dass Familien dar­un­ter leiden und der Staat einspringen muss. Man sollte bei der Ursache ansetzen. Was würden Sie an der Familienpolitik ändern, wenn Sie könnten? Als Erstes würde ich das Wort ändern in «Gesellschaftspolitik». Familienpolitiker haben eine Art «Carte blanche», sie werden sowieso von allen unterstützt. Familien soll man zwar unterstützen. Die, die genug zum Leben haben, sollten allerdings zufrieden sein. Sie waren kürzlich als Singlesvertreterin bei der CVP Basel eingeladen. Was haben Sie dort erreicht? Ich habe ein Referat zum Thema Singles und ihr Stand in der Familienpolitik gehalten. Dabei wollte ich den CVP-Leuten klarmachen, dass Familien nicht einfach die Armen und Singles nicht die Reichen sind. Dass die Pensionskassen etwa fest mit dem Geld der Alleinstehenden, die sterben, rechnen. Dar­über waren viele kaum informiert. Welche Reaktionen haben Sie erhalten? Sie waren erfreulich: Die CVP Basel will nun ihr Programm im Hinblick auf Singles überdenken. Ich konnte auch einige Vorurteile aus dem Weg räumen. Alleinstehenden wird oft unterstellt, sie müssten keine Verantwortung übernehmen. Dabei muss ich mich doch auch um meine Mitmenschen kümmern oder um meine eigene Gesundheit. Den Alleinstehenden ist es nicht egal, was politisch läuft. Auch sie tragen viel zur Gesellschaft bei. Und was auch gesagt sein soll: Es wird niemand gezwungen zu heiraten. Deshalb verstehe ich etwa das Wort «Heiratsstrafe» nicht. Wenn man sich gestraft fühlt in der Ehe, hat man etwas falsch gemacht. Ich persönlich habe keinen Grund zum Jammern. Aber wir reagieren auf die politische Agenda wie zum Beispiel die Vorsorge 2020. Da setzen wir uns für die personenbezogene Rente ein. 12 Prozent der ledigen Frauen erhalten die volle AHV-Rente, 46 Prozent der Witwen erhalten auch eine volle AHV-Rente – da stimmt etwas im System nicht. Das müssen wir ausgleichen. Was würden Sie auf der gesellschaft­lichen Ebene für die Alleinstehenden verändern? Das ist sehr typbezogen. Ich selber habe keine Mühe. Viele fühlen sich aber zurückversetzt. Das Bild der Familie herrscht vor. Auf einem Werbeplakat für ein Dorf wird eher eine Familie gezeigt und nicht eine Einzelperson. Es wäre schön, wenn in der Öffentlichkeit nicht immer nur die Familie im Vordergrund stehen würde. Ihr Verein betont die Nachteile des Singlelebens. Was sind die Vorteile? Die Nachteile müssen wir aufzeigen, damit wir die politischen Forderungen stellen können. Den grossen Vorteil meiner Lebensweise finde ich, dass ich selber über mein Leben bestimmen kann. Ich kann machen, was ich will, dann nach Hause kommen, wann ich will. Ich muss keine Rechenschaft ablegen. Ich muss weniger Kompromisse eingehen. Das hat Vorteile. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es ist, wenn man das absprechen muss. Vielleicht ändere ich diese Ansicht, wenn ich pensioniert bin. Haben Sie denn vor, Ihre Lebensweise zu ändern? Nein, nicht wirklich. Aber ich sage auch nicht, es sei nicht möglich. Ich kenne viele Frauen, die mit dem Fokus «Partner» durchs Leben gehen. Das finde ich auch schade. Aber man kann nicht alles planen im Leben. Das Wichtigste für mich ist, dass man sich dort, wo man steht, das Leben angenehm gestalten kann. Das gehört für mich auch zu einer gesunden Gesellschaftspolitik, dass man das anerkennt und dass man nicht immer finanzielle Nachteile haben soll wegen der Lebensform, die man gewählt hat.

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