Ju-Air-Absturz

So wird der JU-Absturz untersucht

Weil die Ju-52 über keine Flugdatenschreiber verfügte, wurden Daten von elektronischen Geräten der Opfer besonders wertvoll. Ein Besuch bei den Ermittlern in Payerne zeigt, wie aufwendig sich die Untersuchungen gestalten.

Die im Hangar der Sust in Payerne ausgelegten Teile zeugen von den immensen Kräften, die beim Aufprall wirkten

Die im Hangar der Sust in Payerne ausgelegten Teile zeugen von den immensen Kräften, die beim Aufprall wirkten Bild: Christian Merz

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Wie Mahnmale liegen sie da, die Wracks im Hangar der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust). Beim Gang vorbei an zerstörten Segelfliegern, Motorflugzeugen und Helikoptern wird einem vor Augen geführt, dass Flugunfälle keine Seltenheit sind.

Zu hinterst in der Halle liegen die Wrackteile der Ju-Air-Maschine, die im August 2018 nahe des Piz Segnas GR abgestürzt ist. Abgescherte Propellerflügel, stark deformierte Flügelteile und massive gebrochene Motorblöcke zeugen von den immensen Kräften, die beim senkrechten Aufprall auf das Flugzeug wirkten.

Der Rumpf wurde so stark deformiert, dass nur ein kleiner Teil des Hecks mit der Kennung «HB-HOT» in Payerne lagert. Einige Teile, die nicht genauer untersucht werden mussten, würden in einem Hangar im Bündnerland lagern, sagt Daniel Knecht, der als Bereichsleiter Aviatik die Untersuchungen leitet.

Beginn einer «Puzzlearbeit»

Für ihn und seine Ermittler war der 4. August 2018 ein Tag wie kein anderer. «Wir mussten an diesem Morgen zu einem Absturz mit vier Toten ausrücken. Nach der Nachricht des Ju-52-Absturzes am Nachmittag hatten wir auf einen Schlag 20 weitere Todesopfer.» Im Durchschnitt verzeichne man bei der Sust pro Jahr 10 Todesopfer durch Flugunfälle.

Das Ermittlerteam habe ein schreckliches Bild vorgefunden, sagt Knecht. «Als Erstes musste abgeklärt werden, ob die Untersuchungen überhaupt aufgenommen werden könnten. Im Wrack war noch entzündliches Flugbenzin, und im Cockpit befanden sich Instrumente, die radioaktive Leuchtfarbe hätten aufweisen können.» So habe man einen umfangreichen Brandschutz erstellt und Spezialisten für die Messung von radioaktiver Strahlung aufgeboten, so Knecht.

Zusammen mit der Kantonspolizei Graubünden sicherten die Ermittler danach Spuren und begannen mit der Bergung der Unfallopfer. Damit das Wrack mit dem Helikopter ins Tal transportiert werden konnte, musste es vor Ort zerteilt werden.

Noch im Bündnerland wurden sämtliche Teile gründlich auf Spuren untersucht und gereinigt. Weil das Flugzeug so stark zerstört worden sei, habe für ihn und seine Spezialisten eine «Puzzlearbeit» begonnen, sagt Knecht. Erschwerend für die Ermittler kam hinzu, dass es sich um einen exotischen, über 80-jährigen Flugzeugtyp handelte. «In dessen Konstruktion und Technik mussten sich die Ermittler zuerst einarbeiten.»

Die Teile wurden nach Baugruppen sortiert und zerlegt. Dabei entdeckten die Ermittler verschiedene Schäden, die bereits vor dem Absturz vorgelegen haben mussten. Diese wurden von der Sust im November 2018 in einem Zwischenbericht über die Untersuchungen publik gemacht.

Die Ermittler wussten von Beginn an, dass keine lückenlosen Daten des Flugs vorliegen. Die Ju-52 hatte weder einen Flugdatenschreiber noch einen Cockpit-Stimmenrekorder an Bord.

Fehlende Daten

Weil damit auch umfangreiche Daten zur Geschwindigkeit und zur Lage des Flugzeuges sowie Aufnahmen der Gespräche zwischen den Piloten fehlten, suchten die Ermittler akribisch nach elektronischen Geräten und Speicherkarten der Passagiere. «Von den insgesamt 44 Geräten konnten aus deren 8 Daten ausgelesen werden», sagt Markus Beck. Der ehemalige Flugkapitän und Fluglehrer teilt ein Büro mit zwei weiteren Ermittlern und ist bei der Sust Fachgruppenleiter Flugdaten.

Auf einem seiner Monitore ist eine dreidimensionale Karte mit Hunderten aneinandergereihten blauen und roten Punkten zu sehen. Während die blauen Punkte für Daten zur Position der Ju-Air-Maschine von Radarstationen stehen, markieren die roten Punkte Positionen, die Beck und seine Fachgruppe in monatelanger Feinarbeit rekonstruieren mussten. Dazu gehören auch die letzten Minuten der HB-HOT, als sie kurz vor dem Absturz in den Talkessel einflog.

Erstellt: 24.01.2020, 21:07 Uhr

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