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Spektakulärer Sport – aber zu teuer

San Francisco. Das Team Oracle vollendete im America’s Cup ein Comeback, das vor einer Woche nach dem 1:8-Rückstand niemand erwartet hatte. Mit dem 9:8-Sieg über Team New Zealand sorgten die Amerikaner für ein Spektakel, das in die Sportgeschichte eingeht.

Trugen die Neuseeländer selber die Schuld an ihrer Niederlage? Oder gibt es gegen ein Team mit unbegrenzten Möglichkeiten letztlich kein Durchkommen? Sind die starren (Flugzeug-)Flügel die Zukunft des Segelsports oder muss wieder ein Schritt zurück gemacht werden? Bleibt der America’s Cup ein Tummelfeld der Superreichen oder sollen durch Sponsoren getragene Teams eine Chance haben? Die Experten im deutschen Sprachraum sind sich in der Nachbetrachtung nicht in allen Punkten einig.

Für Jochen Schümann (De), den Sportdirektor des Teams Alinghi, das 2003 in Auckland den America’s Cup gewonnen und den Titel 2007 vor Valencia erfolgreich verteidigt hat, fusst die Überlegenheit der Amerikaner in deren Voraussetzungen. «Irgendwann sind die 80 oder 100 Millionen Dollar verbraucht», sagte der dreifache Olympiasieger über das finanzielle Potenzial der Neuseeländer, das knapp zur Hälfte vom Steuerzahler getragen wurde, in einem Zeitungsinterview. «Auf der anderen Seite steht mit dem Geld von Larry Ellison ein riesiges Team mit unbegrenzten Ressourcen – personell, technologisch, finanziell.» Milliardär Ellison soll über 200 Millionen Dollar investiert haben.

In der Tat hatte das multinationale US-Team – bloss einer der elf Segler auf dem Katamaran war ein amerikanischer Staatsbürger – den längeren Atem. Dies war gegen Schluss offensichtlich: Ihr Hightechbolide kam im Gegenwindkurs früher und länger zum Foilen (Fliegen mit beiden Rümpfen), war schneller auf dem wichtigen ersten Kurs mit Rückwind und gewann mehrheitlich die Starts. Aus dem 1:8 wurde ein 9:8.

Crash provozieren?

Die steile Lernkurve der Amerikaner machte auch für die Österreicher Hans-Peter Steinacher und Roman Hagara, die Tornado-Olympiasieger 2000 und 2004, Oracle zum Favoriten. Das Duo begleitete den Nischensender Servus TV mit Fachkenntnis. Die weitverbreitete Meinung, dass der neuseeländische Skipper Dean Barker in der Finalissima alles richtig gemacht habe und einzig am schnelleren Katamaran von Oracle scheiterte, teilte Steinacher nicht. Er brachte eine Möglichkeit ins Spiel, die moralisch an der Grenze der sportlichen Fairness liegt. In der ersten Phase des Rennens ergab sich eine Si­tua­tion, in der die Amerikaner nur 40 Meter hinter den Neuseeländern mit knapp 80 km/h über die San Francisco Bay flogen. Da sich beim Kurs mit dem Wind das hintere Boot frei halten muss, hätten die führenden Kiwis einen «Auffahrunfall» provozieren können, indem sie ihre fliegende «Aotearoa» ohne Vorwarnung ins Wasser hätten plumpsen lassen. Ein Vorfall mit ungeahnten Folgen für die Jachten, aber einer Zeitstrafe für die Amerikaner.

Mit Blick auf die Zukunft herrscht mehr Einigkeit. «Wenn man 100, 150 oder 200 Millionen Dollar ausgeben muss, um eine Chance zum Mitsegeln zu haben, ist das einfach zu teuer», betonte Schümann. Wenn man da nicht Gegensteuer gebe, bleibe die Mehrheit der Segelwelt vom America’s Cup ausgeschlossen. Auch Steinacher sieht dies so. «Wir müssen zurück auf kleinere Katamarane.» Dies sei billiger. Zudem wären diese Zweirümpfer wegen des geringeren Gewichts womöglich noch schneller. Oracle, so Steinacher, stehe nach dem juristischen Gezerre gegen Alinghi in der Schuld, dem Segelsport etwas zurückzugeben. Es müssten mehr als nur drei Teams mitmachen können – zumal die Segelnation Neuseeland auf der Kippe steht. Nach drei fehlgeschlagenen Kam­pa­gnen wird es für das Team schwierig werden, das Geld für einen neuen Anlauf zu finden.

Die Entwicklung des Segelsports beurteilen die beiden unterschiedlich: Es sei «definitiv guter Sport», meinte Schümann. «Taktisch, ein Schachspiel, nicht nur ein Autorennen im Kreis.» Dennoch sieht der 59-Jährige die Entwicklung kritisch. «Ich halte es weiterhin für fraglich, ob sie mit den vielen Flügeln unter und über dem Wasser den typischen Segelsport darstellen.» Steinacher hingegen gerät ins Schwärmen, wenn er über das Foilen spricht. «Das ist ein neues Zeitalter. Der Schritt zurück ist nicht mehr möglich.» Zudem habe ihm Russell Coutts (Neus/CEO Oracle-Team) versichert, dass bei der nächsten Austragung auch ein gewisser Prozentsatz an Seglern aus dem eigenen Land erfüllt sein müsse.

Wohl ohne Alinghi

Der Sieg von Team Oracle bedeutet wohl auch, dass Alinghi nicht in die America’s-Cup-Szene zurückkehrt. Fast drei Jahre lang stritt Ernesto Bertarelli vor der erfolglosen Titelverteidigung 2010 gegen Ellison vor Gericht, was ihn Millionen kostete. Noch liegt allerdings das Protokoll für den kommenden Cup nicht vor. Wann, wie und wo der 35. Cup ausgetragen wird, steht deshalb nicht fest. Steinacher tippt auf 2017, denn ein Jahr zuvor kommen die Olympischen Spielen in Rio in die Quere. Für die Mehrzahl der besten Segler der Welt sei nun die Teilnahme am America’s Cup in dieser spektakulären Form das grösste Ziel. (spg)

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