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«Spitzensport tut der Gesellschaft gut»

Der Nordischkombinierer Hippolyt Kempf gewann einst an Olympischen Spielen einen ganzen Medaillensatz. Heute denkt er für den Bund dar­über nach, wie die Schweiz in Zukunft mehr Medaillen einheimsen kann. Elitenförderung sei kein Selbstzweck.

Als Mitarbeiter des Bundesamts für Sport haben Sie die Olympischen Spiele verfolgt. Welche Leistungen haben Sie am meisten beeindruckt? Hippolyt Kempf: Die Spiele haben mir als Ganzes sehr gut gefallen. Mitgefiebert habe ich vor allem mit jenen Athleten, die ich persönlich kenne – zum Beispiel mit der Neuseeländerin Valerie Adams, die vor den Spielen in Magglingen trainierte und in London die Goldmedaille im Kugelstossen gewann. Mitgefiebert habe ich natürlich auch mit den Schweizern, von denen ich viele mehr oder weniger kenne.In der Schweiz herrschte während und nach den Spielen Wehklagen, weil sich viele Medaillenhoffnungen zerschlugen. Zu Recht? Das Wehklagen gehört wohl einfach dazu. So ist der Sport. Und es wäre auch nicht gut, wenn das Wehklagen ausbleiben würde. Denn das spornt an. Der Sport interessiert. Nüchtern betrachtet, lässt sich die Bilanz aber sehen, auch wenn die erste Hälfte der Spiele schlecht war.Also alles bestens im Schweizer Spitzensport? Der Schweizer Spitzensport hat sich in den letzten knapp 20 Jahren stark weiterentwickelt. Wir sind ein kleines Land und schaffen es bei Sommer- und Winterolympiaden immer in den Medaillenspiegel – im Gegensatz zum Beispiel zu den Österreichern, die in London keine Medaille gewannen. Das zeigt, dass wir uns nicht so schlecht anstellen. Gestiegen ist übrigens auch die Erwartungshaltung: Heute erwartet die Schweizer Bevölkerung nicht nur bei Winterspielen Erfolge, sondern auch im Sommer.Was hat sich denn in den letzten 20 Jahren verbessert? Die Infrastruktur? Das ist eine Frage der Optik. Meiner Meinung nach sind wir bezüglich der Infrastruktur heute eines der besten Länder weltweit. Wir haben flächen­deckend eine sehr gute Grundversorgung. Fast jedes Dorf hat eine Turnhalle. Mängel gibt es bei hochspezifischen Anlagen für den Leistungssport.Zum Beispiel? In der Schweiz gibt es abgesehen von Einsiedeln kaum Trainingsmöglichkeiten für die Skispringer. Eisschnelllauf-Ovale fehlen zudem fast komplett. Für den Hallenradsport gibt es ebenfalls nur eine gute Halle in der Westschweiz. Und, und, und ... Man kann alle Sportarten durchgehen, und bei jeder findet man irgendwo auf der Welt noch eine bessere Anlage.Oft wurde kritisiert, das Schweizer Schul- und Ausbildungssystem bremse Spitzensportler. Trifft das noch zu? Vieles hat sich gebessert. Früher musste sich ein Schweizer Nachwuchssportler zwischen dem Sport und dem Gymnasium entscheiden. Das ist heute nicht mehr der Fall. Das Problem hat sich jedoch verlagert. Spitzensport und Hochschulstudium lassen sich auch heute nur schwer verbinden. Die Stundenpläne sind dort oft zu rigide. Und ganz generell ist es heute noch für viele Spitzensportler eine Riesenherausforderung, sich zu finanzieren.In diesem Zusammenhang steht auch der Verteilschlüssel immer wieder in der Kritik, gemäss dem Fördergelder an die Verbände verteilt werden. Das System gilt als «sprunghaft», und es sei somit nicht langfristig orientiert. Ich finde es positiv, dass es überhaupt einen Verteilschlüssel gibt – und das Geld nicht nach dem Giesskannenprinzip verteilt wird. Gefördert wird, wer etwas erreicht hat. Das führt dazu, dass die Verbände früh mit der Selektion von Talenten beginnen und effizient arbeiten. Selbstverständlich kann man ein solches System immer verbessern.Wäre umgekehrt nicht eine noch klarere Spezialisierung wünschenswert? Sie erwähnten vorhin Österreich: Dort dreht sich alles um den Wintersport – mit der Folge, dass es in London keine Medaille gab, dafür wird es in Sotschi Edel­metall regnen. Das würde unserem Land nicht entsprechen. Die Spitzenleistungen der Athleten sollen ja auch dazu führen, dass die Welt auf die Schweiz aufmerksam wird. Selbstverständlich ist es somit zum Beispiel für den Schweizer Tourismus gut, dass unsere Skifahrer erfolgreich sind. Es ist für den Tourismus aber auch gut, dass wir der Welt zeigen, dass die Schweiz ein Land von Mountainbikern und Marathonläufern ist.Ist der Tourismus auch die Rechtfertigung dafür, dass Steuergelder in die Förderung der Schweizer Spitzenathleten fliessen? Es gibt viele Gründe, war­um der Staat Spitzenathleten unterstützen soll. Ich möchte hier nicht den ganzen Kanon her­un­terbeten, sondern nur ein Argument nennen. Wenn man sich zum Spitzensport bekennt, gibt man Geld aus für die Besten. Das ist untypisch für die Schweiz, wo viel eher die Schwachen und Unterprivilegierten gefördert werden. Sich hin und wieder an den Besten zu orientieren und etwas für die «Elitenförderung» zu tun, ist für eine Gesellschaft notwendig. Nur wenn Höchstleistungen honoriert werden, kann sich ein Land verbessern.Aber braucht es dafür wirklich Geld vom Staat? Sie sind doch der lebende Beweis für das Gegenteil. Sie mussten sogar nach Österreich ins Gymi, weil es in der Schweiz keinen Platz für einen Nordischkombinierer gab. Es stimmt, dass ich am Widerstand gewachsen bin. Ich musste enorm viel Ener­gie­ aufwenden, weil jede Barriere auf meinem Weg geschlossen war. Das mit dem Gymi war nur der Anfang. Bei jedem weiteren beruflichen Schritt, den ich als Spitzensportler machen wollte, war der Sport ein Nachteil. Das hat mich im Ergebnis hart gemacht. Ich hätte aber gerne auf diese Hürden verzichtet.Aber Sie freuen sich noch regelmässig über Ihre drei Olympiamedaillen, die Sie gewonnen haben? Ja, damit sind Supererinnerungen verbunden. Dieses hochintensive Erlebnis kann mir niemand nehmen. Ich werde auch mindestens einmal pro Woche auf meine Erfolge angesprochen. Im Beruf waren die Medaillen aber erst relativ spät ein Vorteil: Bei meinen ersten Bewerbungen wurde die angeblich fehlende berufliche Erfahrung noch höher gewichtet. Der Respekt für die Tätigkeit eines Spitzensportlers, der von klein auf strukturiert und fokussiert leben muss, fehlte komplett. Ohne die Sportkarriere wäre ich auf meinem beruflichen Weg heute an anderer Stelle. Wahrscheinlich sässe ich im Top­management einer Weltfirma.Erfolgreiche Spitzensportler lösen üblicherweise einen Boom aus. Bei den nordischen Sportarten ist dies trotz Ihren Medaillen oder den Erfolgen von Simon Ammann und Dario Cologna nicht passiert. Das ist nicht ganz richtig. Schon nach den Erfolgen der Schweizer Langläufer in Sapporo 1972 gab es einen gewissen Langlaufboom. Und auch heute werden dank Dario Cologna mehr Langlaufpässe verkauft. Das Skispringen ist ebenfalls beliebter als auch schon. Eine Garantie für Spitzensportler ist dies aber nicht.Wie schädlich sind auf der anderen Seite Dopinggeschichten wie jene von Lance Armstrong? Das schadet höchstens kurzfristig. Vor allem zeigen solche Fälle, dass sich Doping nicht lohnt. Früher oder später fliegt jeder auf. Punkt! Das ist eine gute Botschaft.Ist sie auch im Langlauf angekommen? Der Langlauf ist heute sicher deutlich sauberer. Während der letzten Olympischen Winterspiele im kanadischen Vancouver stand ich an der Strecke und sah müde Weltklasseathleten, die ihr Potenzial nicht abrufen konnten. Das ist für mich ein klares Indiz für weniger Doping. Denn unheimlich ist es, wenn ein Sportler Tag für Tag eine Topleistung abliefern kann.Sie sind heute neben Ihrer Trainertätigkeit Ökonom im Bundesamt für Sport. Wie wichtig ist der Sport für die Schweizer Volkswirtschaft? Er macht 1,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus und bietet 88?000 Vollzeitstellen. Das ist keine vernachlässigbare Grösse. Und die Zeichen stehen auf Wachstum.Aber ist das gut? Der Sport verursacht volkswirtschaftlich gesprochen immense Externalitäten wie Knochenbrüche und die Umweltbelastung wegen des Freizeitverkehrs. Das stimmt. Der Sport hat positive und negative Externalitäten. Der Verkehr ist mit Sicherheit die Achillesferse. Er führt zu grosser Umweltbelastung. Diese Variable sollte der Sport im Auge behalten. Die Knochenbrüche sind wahrscheinlich weniger entscheidend. Denn wer Sport treibt, fällt vielleicht auch einmal weniger um.Die Schweiz denkt dar­über nach, sich noch einmal für Olympische Winterspiele zu bewerben. Ist das volkswirtschaftlich sinnvoll? Ich zähle selbstverständlich zu den Befürwortern. Und zwar auch, weil sich das Kandidaturkomitee von «Graubünden 2022» die Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat. Das ist eine kühne Idee, die vielleicht sogar Antworten auf raumplanerische Fragen geben kann. Denn Graubünden wird während der Spiele massiv übernutzt sein. Das kann uns aufzeigen, wie sich der Alpenraum schützen lässt, wenn die Schweiz irgendwann 10 Millionen Einwohner hat und noch mehr Menschen als heute die Natur geniessen wollen. Und natürlich fände ich Olympische Spiele in der Schweiz auch interessant, weil dadurch über Spitzensportförderung gesprochen werden müsste. Es ist noch nicht zu spät, um jetzt jene Talente zu fördern, die dann Medaillen gewinnen können.

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