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Sprachlos und schrullig macht der Tod

Sich in die Trauer zu vergraben und daraus wieder herauszufinden, dar­um geht es im «Gartenhaus» von Thomas Hürlimann. In einer Produktion des Theaters Oberhausen hatte es am Samstag im Theater Winterthur seine gelungene Bühnenpremiere.

Soll das Grab des jung verstorbenen Sohnes von einem Rosenstrauch – als blühendem Zeichen des Lebens – oder von einem monumentalen Granitbrocken geschmückt werden? Um diese Frage tobt ein stiller, erbitterter Kampf: Während der alte Oberst (Hartmut Stanke) für Ersteres plädiert, hält die Mutter Lucienne (Margot Gödrös) eisern an Letzterem fest – und setzt sich schliesslich durch. Doch auch Tochter Zizi (Susanne Burkhard) ist vom Tod ihres Bruders schwer getroffen: Sie verliert ihr Kind (oder hat sie es abgetrieben?), und Schwiegersohn Schacht (Klaus Zwick) flüchtet sich in Floskeln: «Jeder Tod lässt uns ratlos zurück», sagt er etwa. Thomas Hürlimanns Novelle «Das Gartenhaus» ist eine Collage von inneren und äusseren Monologen, Dialogen, Erinnerungen. Sie wurde von Regisseur Peter Carp für die Bühne übernommen – und die Schauspieler meistern die schwierige Aufgabe, auf vielen Ebenen zu agieren, bravourös. Für das Publikum ist es jedoch – bisweilen auch aus akustischen Gründen – nicht immer leicht, ihnen zu folgen. Gestörte Nicht-Kommunikation Doch macht diese Form durchaus Sinn: Bewegt man sich nach dem Tod eines geliebten Menschen nicht wie im Nebel, tappt man nicht hilflos und (traum-)verloren in einer völlig belanglos gewordenen Realität herum? Schnell wird klar: Hier ist jeder in seiner Welt gefangen – gesprochen wird wohl, miteinander geredet jedoch nicht. Eine andere Frage ist, ob denn überhaupt je offen geredet wurde: damals, als die junge Mutter ihren kränkelnden Säugling zwei Jahre lang im Gartenhaus aufzog und darob die Bedürfnisse von Tochter und Mann vernachlässigte. Oder als der Sohn sich mit 18 Jahren zum Sterben dorthin zurückzog? Das Bühnenbild (Kaspar Zwimpfer) mit den vielen toten Herbstblättern liefert einen unaufdringlichen Rahmen zum Thema; die verschiebbaren Holzwände deuten mal den Friedhof an, mal das Gartenhaus. Sie grenzen ab und bieten Schutz. Doch die darin eingelassenen Glasfronten lassen auch Blicke auf die tiefer liegenden (Ge-)Schichten im Hintergrund zu. Ein schrulliger Oberst In einer Friedhofskatze findet der Oberst eine Projektionsfläche für seine Unfähigkeit, mit der Trauer umzugehen: Er sorgt sich um sie und füttert sie heimlich mit Fleisch und Wurst, die er zu Hause verschwinden lässt. Lucienne bemerkt das zwar wohl, doch nachzuweisen ist ihm nichts. «Du bist schon etwas schrullig», sagt sie nur und fragt sich, ob es etwa daran liegt, dass er «die Schlacht um den Grabstein» verloren hat. Es wird nicht die einzige Niederlage des Obersts bleiben: Seine Fleischverstecke in Zizis Mädchenzimmer und später im Gartenhaus fliegen auf – und Letzteres bringt das Fass zum Überlaufen: «Es gibt zwei Orte, an denen noch etwas Leben von mir übrig ist: Das Grab und das Gartenhaus sind mein Allerheiligstes», sagt Lucienne – denn dort steht auch immer noch die Modelleisenbahnanlage, die der Sohn zusammen mit Jugendfreund Schacht aufbaute. Während sie die Katze vergiften will, ist der Oberst «zur Verteidigung bis zum letzten Blutstropfen» bereit. Nach einem erneuten Eklat am Grab zieht er sich zurück ins Gartenhaus: Er deliriert, stürzt in ein Loch, will es «kurz und schmerzlos» machen – doch dann kommt (endlich) die Trauer. Und später auch Lucienne. Angesichts der zerfallenden Eisenbahnanlage konstatieren sie, dass «alles Leben noch da ist»: Daran gemeinsam weiter zu bauen, lässt sie wieder zueinanderfinden. Weitere Aufführungen: Di, 18. Februar, 19.30 Uhr sowie 5.–7. März

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