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Spukgeschichten der blassen Art

Es mag spuken in der Schweiz, aber wer sich vom Dokfilm «Fenster zum Jenseits» relevante Erkenntnisse zum Geister­glauben erhofft, wird enttäuscht.

Gespenster sind notorisch kamerascheue Wesen, das kennt man ja; doch auch Skeptiker kommen in O’Neil Bürgis Streifen «Fenster zum Jenseits» nicht vor. Er trägt denn auch wenig Erhellendes zur Hellsichtigkeit bei. Der Filmemacher begleitet den Autor und Journalisten Hans Peter Roth («Orte des Grauens in der Schweiz»), der freimütig einräumt, dass ihn ein im engeren Sinne wissenschaftlicher Zugang zum Thema «nicht interessiert». Ihm reichen glaubwürdige Augenzeugenberichte. An solchen herrscht seiner Auffassung nach kein Mangel. Im Engadiner Kurhotel Val Sinestra, einem gemäss Roth «klassischen Spukort», treibt ein Gespenst Schabernack mit dem Personal: War­um der verstorbene Belgier namens Guillaume den Hotellift in Bewegung setzt, Fenster öffnet oder Leute, die in seine Nähe kommen, kurzzeitig erhitzt, bleibt sein Geheimnis. Bei Bern ängstigt ein verstorbener Dichter mit Nelke im Knopfloch eine junge Frau, deren Eltern er im Diesseits kannte. Bürgi verzichtet darauf, den beigezogenen Experten – dem Seher Sam Hess und dem Medium An­dreas Meile – die naheliegende Frage zu stellen, was Gespenster mit ihrem unruhigen Tun eigentlich bezwecken. Esoterischer Slang Klar scheint das Ziel von einigen im Berner Oberland tätigen Naturgeistern zu sein: Sie beschützen verdankenswerterweise eine Alphütte vor Lawinenniedergängen. Geschichten wie diese dürften auch Zuschauerinnen und Zuschauer gerne verfolgen, die dem Geisterglauben als solchem wenig abgewinnen können. Wer sich ansonsten schlecht beraten fühlt, wenn von der «feinstofflichen Welt» die Rede ist, findet in «Fenster zum Jenseits» viele Stellen, die ihn ärgern dürften. Die Experten Hess und Meile sprechen den esoterischen Slang, der dem Leben die Kanten nimmt: Krankheiten sind «Disharmonien», Menschen sterben nicht, sondern «gehen in die geistige Welt» oder «haben den Körper verlassen». In einer äusserst berührenden Stelle schildert ein älterer Herr, wie sehr er seine an Krebs verstorbene Gattin vermisst. Mit Sitzungen bei Medium Meile versucht er, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Die Verstorbene meldet sich angeblich – und hat ihrem geliebten Mann nichts Besseres mitzuteilen, als dass er ein Bild in der Wohnung doch hin und wieder besser abstauben solle. Immerhin: So banal die von einem Medium aus dem Jenseits übermittelten Botschaften für Aussenstehende wirken mögen, den Hinterbliebenen scheinen sie Linderung zu verschaffen. Es helfe, die «Trauerarbeit effizienter» zu gestalten, sagt Meile. Den meditativen Zirkel, den er zweiwöchentlich anbietet, preist er als «Breitbandantibiotikum für geistige Fitness» an. «Fenster zum Jenseits» richtet sich an dieselbe Kundschaft. Für skeptische Geister bieten die zurückhaltenden Gespenster, von denen im Film des 31-jährigen Thurgauers die Rede ist, allerdings viel zu wenig.

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