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Stadt Zürich hat Tausende Bilder verloren

Erstmals überhaupt hat die städtische Kunstsammlung ihren immensen Fundus systematisch kontrolliert. Das Resultat: Von 35 000 Werken ist jedes siebte nicht mehr dort, wo es sein sollte.

Die Stadt Zürich vermisst offiziell exakt 5176 Werke aus ihrer Kunstsammlung – und das ist für sie eine Erfolgsmeldung. Immerhin befanden sich noch vor wenigen Jahren über 13 000 Einträge auf der Liste jener Werke, von denen niemand mehr so genau wusste, wo sie sich befanden. Erst eine aufwendige und langwierige Detektivarbeit hat Klarheit gebracht, wie Sammlungsleiterin Irene Schildknecht gestern an einer Medienkonferenz ausführte.

Dass so viele Werke verschwunden sind, kommt nicht von ungefähr: Die städtische Kunstsammlung ist dem Prinzip nach ein gewaltiger Kunstverleih. Sie umfasst rund 35 000 Werke im Gesamtwert von 121 Millionen Franken. Teils gekauft, teils geschenkt bekommen, teils geerbt. Nebst wertvollen Stücken wie einem 15-Millionen-Hodler befindet sich auch eine Menge Belangloses ohne grossen Wert darunter, oft angeschafft mit dem einzigen Zweck, etwas Farbe in die Büros zu bringen. Sämtliche städtischen Angestellten dürfen sich in der Sammlung nach Belieben etwas aussuchen – solange sie nicht gerade zu den ganz grossen Meistern greifen oder zu Werken mit sexuellen Motiven, die provozieren könnten. Auch Spitäler und Schulen schmücken ihre weissen Wände mit Bildern aus der Sammlung.

Der Fall Le Corbusier

Jahrzehntelang geschah dies ohne Kontrolle und ohne konsequente Buchführung. Die heutigen Verantwortlichen können daher nur mutmassen, was immer wieder mal passiert sein muss, wenn ein Gebäude renoviert wurde, eine Abteilung umzog oder ein langjähriger Angestellter in Pension ging. Verschenkt, weggeworfen, eingemottet, mitgenommen – das dürfte es nach einhelliger Ansicht etwa zusammenfassen.

Ein besonders aufsehenerregender Verlust gab schliesslich den Ausschlag dafür, dass die Stadt 2007 begann, den Bestand ihrer Sammlung erstmals in deren hundertjährigen Geschichte systematisch zu kontrollieren. Im Triemlispital war das Ölbild «La Bouteille» von Le Corbusier verschwunden. Versicherungswert: 1,5 Millionen Franken. Das Bild hatte ursprünglich im Empfang der Frauenklinik gehangen, später in einem Sitzungszimmer und zuletzt in einem Keller, wo sich seine Spur schliesslich verlor.

Ein eigens dafür angestelltes Zweierteam machte sich nun daran, die städtischen Liegenschaften nach anderen vermissten Bildern zu durchstöbern. «Natürlich konnte dieses Team nicht alle 6500 Adressen bis hin zum letzten WC-Häuschen aufsuchen», sagte Irene Schildknecht gestern. Es habe sich auf jene 500 Orte konzentriert, die am ehesten Erfolg versprachen. Und tatsächlich: Schon innert eines halben Jahres fanden 700 Kunstwerke ihren Weg zurück in die Sammlung – entdeckt zum Beispiel auf dem Dachboden eines Schulhauses. Viel vermeintlich verschollene Kunst schlummerte auch unerkannt in den beiden städtischen Lagern: Dort fanden sich bei einer Zählung dreimal mehr Bilder, als gemäss Inventar zu erwarten waren.

Zumeist unbedeutende Drucke

Unter jenen Werken, die bis heute unauffindbar bleiben, befinden sich laut den Verantwortlichen keine, die für die Sammlung zentral sind. Nach Einschätzung der beigezogenen Kunsthistorikerin Caroline Kesser handelt es sich mehrheitlich um relativ unbedeutende Druckgrafiken, die kaum jemand vermissen werde. Zwar sind auch fast 1400 Originalwerke mit einem Versicherungswert von insgesamt einer Million Franken weg. Irene Schildknecht relativierte diese Summe gestern jedoch: Sie beziehe sich auf den Einkaufspreis – und viele der Werke hätten seither zweifellos an Wert verloren, da sie von unbekannten Künstlern stammten.

Geld von der Versicherung wird die Stadt trotz ihrer Verluste kaum sehen. Dazu bräuchte es laut Schildknecht einen Beweis, dass Diebe sich die Bilder unter den Nagel gerissen haben. «Es kann aber gut sein, dass sie bloss verlegt wurden.» Die Sammlungsleiterin ist selbst davon überzeugt und glaubt, dass in Zukunft weitere Bilder wieder auftauchen werden, zumal die Kontrollen andauern. Gleichzeitig soll ein neu entwickeltes System Verluste verhindern.

Der Vollbestand ist aber nicht das Ziel – im Gegenteil. Dem zuständigen Stadtrat André Odermatt (SP) scheint die Sammlung zu gross. Er hält sie zwar für ein wichtiges Instrument, um das lokale Kunstschaffen zu fördern, will aber einen Teil der rund 21 000 Druckgrafiken verkaufen, die heute die Lager füllen. Allein schon vom Zürcher Künstler Franz Karl Opitz liegen dort weit über tausend Blätter.

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